12: Verneinung und (negative) Befehle

Was muss man tun, wenn man auf eine Frage mit "nein" antworten will bzw. generelle Vernei­n­un­gen zum Aus­druck brin­gen will? Das schauen wir uns jet­zt mal genauer an. :)

Wir ken­nen ja schon kehe, nein, was man benutzen kann, um auf Ja/Nein-Fra­gen zu antworten. Was aber, wenn man ganze Sätze in sich verneinen will? Dafür haben wir ke. Ke muss immer direkt vor das zu verneinende Verb gestellt wer­den. Beispiele:

Oe slele. Ich schwimme.
Oe ke slele. Ich schwimme nicht.

Ngal syaksyuk­it atun tsole'a. Du hast den roten Pro­le­muris gesehen.
Ngal syaksyuk­it atun ke tsole'a. Du hast den roten Pro­le­muris nicht gesehen.

Oe tsun yivom tsat. Ich kann das essen.
Oe ke tsun yivom tsat.
Ich kann das nicht essen.

"Srake ngal 'uot li yolom fìtrr?" — "Kehe, ke yolom oel". "Hast du heute schon etwas gegessen?" — "Nein, habe ich nicht."

Diese "ke direkt vor's Verb"-Regel gilt auch für si-Ver­ben! Hier­bei wird ke direkt vor si platziert:
Mefo uvan si. Die bei­den spielen.
Mefo uvan ke si. Die bei­den spie­len nicht.

So weit, so ein­fach, oder? Näch­stes Level:

 

 

Ein­fach genug, oder? ;) Aber… das ist lei­der noch nicht alles. Na'vi ken­nt näm­lich auch noch Mit­tel und Wege, um "kein(e/r)" mit­tels kea oder Wörtern wie kawkrr, ke'u, kaw­tu etc. zu sagen. Dabei wird immer die dop­pelte Vernei­n­ung notwendig. Beispiele:

Kawkrr ke slayu nga Na'viyä hapxì! Du wirst niemals Teil der Na'vi werden!

Kaw­tu ke tsun kivar ngar fya'ot a kame. Nie­mand kann dir beib­rin­gen zu sehen.

Ke rol­un oel poti kawt­seng. Ich habe ihn nir­gend­wo gefunden.

Fìtaronyut­syìp ke tsun ke'ut stivä'nì. Dieser kleine Jäger kann nichts fangen.

Auch bei der Vernei­n­ung gibt es feine Nuan­cen in Bedeutungsunterschieden:
Ke tsun oe kekem sivi. Ich kann nichts tun. (Ich bin nicht in der Lage irgen­det­was zu tun.)
Tsun oe kekem ke sivi. Ich kann nichts tun. (Ich kön­nte etwas tun, bin aber lieber faul und rühre keinen Finger.)

Noch ein paar Beispiele zu kea, welch­es dann zum Ein­satz kom­men sollte, wenn es kein passendes bere­its in sich verneintes Sub­stan­tiv (s.o.) gibt:
Fìsäspx­inìri ngeyä ke län­gu kea 'umt­sa. Es gibt lei­der keine Medi­zin für deine Krankheit.
Na'rìng a ke lal­mu tsar kea rìk. Der Wald, welch­er keine Blät­ter gehabt hatte.
Slä vay set ke pamähängem kea tì'eyng. Aber bis jet­zt kam keine Antwort an :(

 

Die dop­pelte Vernei­n­ung funk­tion­iert ein wenig anders als die, die wir aus der deutschen Sprache ken­nen. Bei uns ergeben Minus und Minus ein Plus, also qua­si nein + nein = ja. Bei den Na'vi ist dies nicht so, da bleibt Minus eben Minus und nein bleibt nein:

Ich habe keine Hei­lerin nicht gese­hen = Ich habe eine Hei­lerin gesehen.
Oel ke tsole'a kea zeykoyu­ti. = Ich habe keine Hei­lerin gesehen.


Es gibt aber auch noch Sit­u­a­tio­nen, in denen man 2x ke ver­wen­den muss bzw. kann:

Poe ke li ke polähem. Sie ist noch nicht angekom­men. (li = bereits/schon; ke li = noch nicht)

Frapol ke tslo­lam. Alle haben (es) nicht verstanden.
Ke frapol ke tslo­lam. Nicht alle haben (es) verstanden.
Zum Ver­gle­ich:
Kaw­tul ke tslo­lam. Kein­er hat (es) verstanden.

Bei "ke fra-" und "ke li" Kon­struk­tio­nen benöti­gen wir immer (wie bei der dop­pel­ten Vernei­n­ung mit kea) ein verneinen­des kevor dem Verb.

Das Ganze erfordert etwas Umdenken, aber ihr kriegt das im Laufe der Zeit schon hin, da hab' ich keine Bedenken :)

 

 

Und dann gibt es noch ke… kaw'it und ke… nulkrr.
Ke… kaw'it bedeutet "nicht ein biss­chen, nicht im ger­ing­sten, über­haupt nicht"; ke… nulkrr bedeutet "nicht länger, nicht mehr".  Kaw'it und nulkrr müssen immer am Satzenede ste­hen und erfordern immer ke vor dem vernein­ten Verb.
Beispiele:

Oel ke tslo­lam tsat kaw'it! Ich habe das über­haupt nicht verstanden!
Poan 'ewan ke lu kaw'it. Er ist über­haupt nicht jung.

Ke slele oe nulkrr. Ich schwimme nicht mehr.
Fo uvan ke si 'awsiteng nulkrr. Sie spie­len nicht länger zusammen.

 

 

Wie kom­mandiert man andere herum? In dem man den Imper­a­tiv, also die Befehls­form verwendet.
In der deutschen Sprache wer­den dafür nor­maler­weise Ver­ben gekürzt und/oder verän­dert, aus "gehen" wird "geh!" oder "geht!". Aus "lesen" wird "lies!" oder "lest!".

Auch Na'vi verän­dert u.U. Ver­ben, um die Befehls­form zu bilden, macht sie dabei jedoch mit Hil­fe des <iv>-Infix länger — oder sie bleiben ein­fach in ihrer Grund­form beste­hen. Das haben wir bere­its in Lek­tion 13 gesehen:

 

Rutxe, pivlltxe. Sprich, bitte. (Mögest du bitte sprechen.)
Kivä neto! Hau ab! Geh weg! (Mögest du weggehen!)
Ayn­ga neto rivikx! Bewegt euch weg! Tretet zurück! (Möget ihr euch weg bewegen!)

Ob im Zusam­men­hang mit dem Imper­a­tiv <iv> ver­wen­det wird oder nicht, ist reine Geschmackssache. Der Befehl wird durch <iv> nicht "milder" oder weniger "harsch", <iv> wirkt sich hier also nicht wirk­lich bedeu­tungsverän­dernd aus!

Um aus einem Befehl eine auf­fordernde Bitte zu machen, kann man jed­erzeit gerne rutxe ver­wen­den — "bitte" und "danke" haben schließlich noch nie wirk­lich geschadet ;)

Ohne <iv> bleibt der Ton der Befehle also der gleiche:
Rutxe, plltxe. Sprich, bitte. 
Kä neto! Hau ab! Geh weg!
Ayn­ga neto rikx! Bewegt euch weg! Tretet zurück!

 

 

Wie man eine Aus­sage verneint, haben wir in Lek­tion 17 gel­ernt, näm­lich mit ke. Der natür­liche Impuls wäre wohl also, dass man ke auch für neg­a­tive Befehle ver­wen­det, doch das wäre falsch; denn dafür haben wir ein eigenes Wörtchen: rä'ä.

Es muss nor­maler­weise (wie ke) vor das zu verneinende Verb inner­halb des neg­a­tiv­en Befehls platziert wer­den, auch hier­bei ist die Ver­wen­dung von <iv> (siehe oben) option­al, scheint aber generell weniger häu­fig aufzutreten:

Rä'ä kivä! Geh(t) nicht!
Txopu rä'ä si! Hab'/habt keine Angst!
Sngum rä'ä si! Mach(t) dir/euch keine Sorgen!
Rä'ä fwi! Rutsch(t) nicht aus!
Rä'ä stivi. Sei nicht wütend/sauer.

Noch ein paar tolle Beispiel­sätze von Na'viteri.org:
Nim rä'ä lu! Pohu pivängkxo! Sei nicht scheu! Rede mit ihr!
Oeti rä'ä srätx. Nerv mich nicht. / Geh mir nicht auf den Keks.
Ngal new a tsa'ut rä'ä wivo, ma 'evi. Vivin. Greif dir nicht ein­fach das was du haben willst, Kind. Bitte vorher darum.
Kea kem leyewla rä'ä si, rutxe. Bitte ent­täusche mich nicht. (Wörtlich: Bitte mach keine ent­täuschende Handlung.)
Sti­wi rä'ä si, ma 'eveng! Uvan si mì sen­go ala­he. Sei nicht frech/unartig, Kind. Geh woan­ders spielen.

Apro­pos Kinder und Zurechtweisung sel­biger; es gibt sog­ar eine kurze Reden­sart, die sich spez­i­fisch an unar­tige Kinder richtet:
Rä'ä räp­tum! Sei nicht (so) frech/unhöflich! Ben­imm' dich!
Beachtet, dass hier das dazuge­hörige bzw. verneinte Verb (ver­mut­lich lu bzw. livu) fehlt bzw. fall­en gelassen wurde.

 

 

Doch hier gibt es im Gegen­satz zu ke eine Aus­nahme; rä'ä kann näm­lich auch dahin­ter gestellt wer­den, um die Wirkung von rä'ä zu ver­stärken (siehe Hin­weis zu "Gewicht" in Sätzen am Satzende in Lek­tion 3). Dadurch wird gegebe­nen­falls kon­textab­hängig aus "mach das nicht" eher ein "mach das bloß nicht" bzw. "wehe du machst das":

Fwi rä'ä! Rutsch nicht aus! -oder- Rutsch bloß nicht aus! -bzw.- Wehe du rutscht aus!
Oeti 'ampi rä'ä, ma skx­awng! Rühr' mich nicht an, Idiot! -oder- Wehe du rührst mich an, Idiot!

Haya yakro fti­vang. Salew rä'ä. Halte bei der näch­sten Abzwei­gung an. Geh/fahr/reite nicht weiter.

Tem rä'ä! Schieß nicht! / Nicht schießen!!

 

Beachtet bitte, dass dies aber nicht bei si-Ver­ben möglich zu sein scheint, zumin­d­est kon­nte ich dazu keine offiziellen Beispiele find­en. Soll heißen, geht lieber auf Num­mer Sich­er und stellt rä'ä weit­er­hin zwis­chen den Haupt­teil des si-Verbs und das Hil­fsverb si, wie in z.B. txopu rä'ä si.

 

 

rä'ä vs. ftang

Es mag vielle­icht von sich aus schon klar sein, aber der Voll­ständigkeit hal­ber möchte ich es hier nochmal verdeutlichen:
Es ist ein Unter­schied wenn ich sage "mach das nicht" im Ver­gle­ich zu "hör auf das zu machen". Die bei­den Aus­sagen sind nicht gle­ich­w­er­tig, auch wenn das "deutsche Hirn" gerne mal "lass das!" mit "mach das nicht!" gle­ich­set­zt. Die Vari­ante mit "hör auf", ftang, set­zt voraus, dass die entsprechende Hand­lung bere­its begonnen hat bzw. gemacht wird. Bei neg­a­tiv­en Befehlen mit rä'ä jedoch spielt das keine Rolle; da kann die Hand­lung bere­its stat­tfind­en, noch nicht stattge­fun­den haben oder stattge­fun­den haben. 
Ver­gle­icht selber:

Sti­wi rä'ä si! Sei nicht frech!
Ftang sti­wi sivi! Hör auf frech zu sein!

TL;DR: rä'ä geht immer, ftang nur, wenn die Hand­lung bere­its und immer noch stattfindet.

 

 

Übung I:

Welche Übersetzung/en ist/sind korrekt?

1. Er hat nie­man­dem geschadet.
  1. Kaw­tut pol ke kxu soli.
  2. Po kaw­tur kxu ke soli.
  3. Po kaw­tur kxu soli.
2. Deine Schwest­er hat noch nie ein Pa'li geritten?
  1. Pa'lit tsmukel ngeyä kawkrr ke molak­to srak?
  2. Pa'li ke tsmuke ngeyä molak­to srak?
  3. Pa'lit tsmukel ngeyä mi kawkrr molak­to srak?
3. Ich ver­ste­he über­haupt nicht was sie sagt.
  1. Ke tslam oel aylì'ut a plltxe pol kaw'it.
  2. Ke tslam oel kaw'it aylì'ut peyä.
  3. Ke tslam oel aylì'ut peyä kaw'it.
4. Wir kön­nen nicht länger warten!
  1. Awnga tsun pivey nulkrr!
  2. Ke tsun pivey awnga nulkrr!
  3. Awnga ke tsun pivey!

 

Übung II:

Set­zt die hier behan­del­ten gram­matikalis­chen Ele­mente in den entsprechen­den Lück­en ein und übersetzt:

  1. __krr saw­tuteti oel __ tsole'a.
  2. __ frataronyul ayy­erik­it __ taron nìltsan.
  3. Neytiriru __ saw­tute mal __ lu.
  4. Pol __ tsun tsli­vam futa __tu srung __ soli 'eyla­nur sneyä.
  5. Furia tsap'alute soli po, oeru __'u.
  6. __ tsun kivame fo.
  7. Slä wayìn­txu awn­gal foru futa __ tsun fo fìkem sivi!
  8. Eyk­tan ayoeyä __ tsun tivaron __.
  9. __ li pol __ tung futa awn­gal kutu­ti 'eko.
  10. __tseng __ ioang __ latsu.
  11. Tsari __tur __ lu __ krr.

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