10: "Kann man das so sagen?" — Modalverben + das Infix iv

Was sind Modalver­ben?

Wie ihr sich­er schon bemerkt habt, hat sich im Ver­lauf der let­zten Lek­tio­nen immer wieder das ein oder andere gram­matikalis­che Ele­ment eingeschlichen, was noch nicht für sich behan­delt wurde, darunter auch vor allem Modalver­bkon­struk­tio­nen (sie sind halt ein­fach mega prak­tisch und geläu­fig, tsun pehem, hrh). Um eben jene geht's nun endlich in dieser Lek­tion.

"Tsun pehem" ist eine Floskel, die so viel bedeutet wie "tja; da kann man nix machen; so ist das Leben nun ein­mal". Sie  stammt von fol­gen­dem Satz ab: Tsun fko pehem sivi? — "Was kann man (da schon) machen?"

Ihr fragt euch was Modalver­ben sind?

Modalver­ben ken­nen wir auch aus dem Deutschen: kön­nen, mögen, wollen, sollen, müssen, dür­fen, und so weit­er. In Na'vi-Wörterbüchern wer­den sie oft­mals durch vtrm. (tran­si­tives Modalverb) oder vinm. (intran­si­tives Modalverb) gekennze­ich­net.
Ein Modalverb ist "ein Verb, das ein Vol­lverb dahinge­hend ergänzt, dass es aus­drückt, ob die Hand­lung zum Beispiel möglich, gewollt oder notwendig ist."

 

Über­sicht der Modalver­ben:

Verb Bedeu­tung    
tsun vinm. kön­nen, in der Lage sein (etwas zu tun), dür­fen (Höflichkeit) oe tsun tivaron ich kann / darf jagen
zene vinm. müssen, sollen oe zene tivaron ich muss / soll jagen
zenke vinm. nicht dür­fen oe zenke tivaron ich darf nicht jagen
fmi vtrm. ver­suchen, pro­bieren oe fmi tivaron ich ver­suche zu jagen
may' vtrm. ver­suchen, aus­pro­bieren, kosten, testen oe may' tivaron ich pro­biere zu jagen
var vinm. fort­führen (etwas zu tun), weit­er­ma­chen, einen Zus­tand beibehal­ten oe var tivaron ich führe fort zu jagen
new vtrm. möcht­en, wollen oe new tivaron ich möchte / will jagen
nul­new vtrm. lieber wollen, bevorzu­gen oe nul­new tivaron ich bevorzuge zu jagen
ftang vinm. aufhören, anhal­ten, stop­pen oe ftang tivaron ich höre auf zu jagen
sngä'i vinm. begin­nen, anfan­gen, starten oe sngä'i tivaron ich fange an zu jagen
sto vtrm. weigern (etwas zu tun), ver­weigern, ablehnen, abschla­gen oe sto tivaron ich weigere (mich) zu jagen
kan vtrm. zie­len, beab­sichti­gen (etwas zu tun) oe kan tivaron ich beab­sichtige / habe vor zu jagen
kom vinm. wagen (etwas zu tun) oe kom tivaron ich wage (es) zu jagen

 

Modalver­ben zu ver­wen­den ist gar nicht so schw­er, was das Ganze etwas kom­pliziert macht, ist, wenn die L&T‑Endung auf Na'vi mit ins Spiel kom­men. Aber dazu später mehr. Jet­zt erst­mal die Basics.

Man kann sie alleine ste­hend als nor­males Verb ver­wen­den:

Oe new. Ich will.
Oel tey­lu­ti new. Ich möchte Tey­lu.
Pol mau­ti­ti may'. Sie probiert/kostet eine Frucht.
Nga tsun. Du darfst/kannst.
Po sngä'i. Er begin­nt.

Es gibt tran­si­tive (vtrm.) und intran­si­tive (vinm.) Modalver­ben. Achtet also darauf, vor allem wenn ihr sie alleine ste­hend ver­wen­det, ob ihr entsprechende Fal­l­en­dun­gen ein­bauen müsst oder nicht. Dazu später mehr.

Oder eben als Modalverb in ein­er entsprechen­den Kon­struk­tion aus Modalverb und Vol­lverb:

Ich möchte ler­nen. Oe new nivume.
Ich möchte essen. Oe new yivom.
Du willst jagen. Nga new tivaron.
Er muss gehen. Po zene kivä.
Sie begin­nt zu lesen. Po sngä'i ivinan.
Sie dür­fen nicht ster­ben. Fo zenke tiverkup.
Du hörst auf zu schlafen. Nga ftang hivahaw.
Sie kön­nen malen. Fo tsun wiveyn.

Aber Momentchen mal, was ist dieses <iv>, das in dem auf das Modalverb fol­gende Verb einge­fügt wird?

 

Das Infix <iv>

Wie wir bish­er gel­ernt haben, gibt es gewisse Wort­teile, die man entwed­er vorne oder hin­ten an ein Wort "anheftet", also so genan­nte Prä­fixe oder Suf­fixe. Infixe wer­den in Wörter einge­set­zt, aber allerd­ings nur in Ver­ben.

Der Hak­en an der Sache ist der, dass man Infixe nur in den dafür vorge­se­henen Stellen von Ver­ben ein­set­zen kann. Um dabei nicht den Überblick zu ver­lieren, da es so viele Infixe gibt (über 30!), teilt man Infixe generell in Posi­tions-Grup­pen ein, zumeist <0>, <1> und <2>.
Das hier gezeigte Infix <iv> nimmt Posi­tion <1> in Ver­ben ein.

Ver­wirrt? Mal wieder: "kein Wun­der", aber lasst uns ver­suchen etwas Licht ins Dunkel zu brin­gen. :)

 

Ver­ben mit zwei Sil­ben:

Nehmen wir mal taron als Beispiel. Es beste­ht aus zwei Sil­ben: ta-ron. Mit den Posi­tion­s­markierun­gen sähe das Wort so aus:
t<0><1>ar<2>on.
Da hier und jet­zt aber erst ein­mal nur <1> wichtig ist, konzen­tri­eren wir uns auf die vere­in­fachte Darstel­lungsweise: t<1>aron, tivaron.

Bei hahaw sähe es nicht viel anders aus: h<0><1>ah<2>aw. — vere­in­facht: h<1>ahaw, hivahaw.
Weit­ere Beispiele:

slele — sl<0><1>el<2>e — sl<1>ele — slivele.
'efu — '<0><1>ef<2>u — '<1>efu — 'ivefu.
ran — t<0><1>ìr<2>an — t<1>ìran — tivìran.
plltxe — p<0><1>lltx<2>e — p<1>lltxe — pivlltxe.

 

Ver­ben mit Vokal begin­nend:

Aber Vor­sicht! Es gibt einige wenige zweisil­bige, unregelmäßige Ver­ben, die nicht in dieses Muster passen. omum zum Beispiel, oder inan. Die bei­den sähen so aus:
<0><1>om<2>um — <1>omum — ivomum,
<0><1>in<2>an
- <1>inan — ivinan.

Als generelle Faus­tregel (bei der aber auch Aus­nah­men die Regel bestäti­gen) kann man fol­gen­des zu Rate ziehen:
Infixe wer­den generell vor dem Vokal der entsprechen­den Silbe in Ver­ben platziert.
Da omum und inan mit einem Vokal begin­nen, wer­den entsprechend vor diesem Vokal passende Infixe platziert.

Übri­gens, die Beto­nung (bzw. die betonte Silbe) der (meis­ten) Wörter ändert sich nicht, d.h. sie bleibt meis­tens auf dem Vokal der beton­ten Silbe, wenn man Prä­fixe, Suf­fixe oder Infixe in/an das Wort klebt.
Beispiel:
kame, kìyevame, kivame, kameie.
Erken­nt ihr das Muster? :) Die Beto­nung bleibt immer auf dem Vokal der beton­ten Silbe.

Es gibt aber wenige Aus­nah­men, eben zum Beispiel omum oder inan. Daraus wird dann z.B. ivomum oder ivinan.

Zusam­menge­set­zte Ver­ben (die meis­tens aus zwei Ver­ben, einem Sub­stan­tiv und einem Verb etc. zusam­menge­set­zt wur­den) ver­hal­ten sich wiederum anders; dort kom­men die Infixe immer in den "Verb-Teil" des Wortes oder ihre Infix­po­si­tio­nen sind schlichtweg unvorherse­hbar.
Wenn ihr euch mal nicht sich­er seid, schaut ins Wörter­buch — dort sind die Infix­po­si­tio­nen meist angegeben. Beispiele:
yomtìng, nutìng oder newomum.

 

Ein­sil­bige Ver­ben:

Und wie sieht es bei ein­sil­bi­gen Ver­ben wie z.B. tul aus? Nun ja, tul beste­ht zum Glück nur aus ein­er Silbe, was die Sache leichter macht:
t<0><1><2>ul bzw. t<1>ul — tivul.

Bei rol sieht's ähn­lich aus: r<0><1><2>ol — r<1>ol — rivol.

Oder tìng: t<0><1><2>ìng — t<1>ìng — tivìng.

 

Si-Ver­ben:

Infixe kom­men immer in den "si"-Teil des Verbs — und dieser ist denkbar ein­fach struk­turi­ert, ähn­lich wie andere ein­sil­bige Ver­ben:
s<0><1><2>i bzw. s<1>i — sivi.

 

Das Infix <iv> wird auch noch für den Kon­junk­tiv und ggf. für Befehle / Kom­man­dos ver­wen­det und ist in anderen Sit­u­a­tio­nen eben­falls zwin­gend notwendig. Aber diese Sit­u­a­tio­nen schauen wir uns zu gegeben­er Zeit an.

 

Übung I:

Set­zt das Infix <iv> in fol­gende Ver­ben ein:

1. kame
2. txung
3. ftem
4. wou
5. hek
6. sa
7. rou
8. pänutìng
9. penghrr
10. pängkxo
11. lipx
12. pom
13. kxange
14. meyam
15. tse'a
16. za'u
17. ska'a
18. hena

 

 

Warum ist das alles wichtig?

Nun, wie ihr oben schon beobacht­en kon­ntet, wer­den Modalver­bkon­struk­tio­nen mit dem Infix <iv> im Vol­lverb gebildet. Dies ist eine fixe Regel der Sprache, daher kommt man nicht drumherum gle­ich­sam mit den Modalver­ben auch das Infix <iv> ken­nen zu ler­nen bzw. was Infixe generell sind. Die bei­den gehören ein­fach zusam­men ;)

Eine weit­ere Regelung gibt es auch noch im Bezug zur Wort­stel­lung bzw. ‑ord­nung mit Modalver­ben. Dabei wird das Modalverb immer vor dem Vol­lverb platziert — wie in den Beispie­len oben schon gese­hen wurde.
Also: Modalverb, Vol­lverb. Oe new nivume. Nga tsun hiva­haw. Und so weit­er.
Man kann das Ganze aber natür­lich auch entsprechend anders anord­nen:
New oe nivume.
Tsun nga hiva­haw.
Hier haben sich oe bzw. nga zwis­chen die bei­den zusam­menge­höri­gen Ver­ben gequetscht.
Oder aber:
New nivume oe.
Tsun hiva­haw nga.

Die einzige Regel dabei ist, dass das Modalverb immer vor dem Vol­lverb ste­hen muss. Wo genau im Satz ist rel­a­tiv flex­i­bel, sie soll­ten aber den­noch so nah wie möglich beieinan­der ste­hen. Alles andere ist nur Geschmackssache bzw. eine Sache der Her­vorhe­bung von einzel­nen Wörtern (siehe Abschnitt zu "Gewicht in Sätzen" in Lek­tion 03).

 

Modalver­bket­ten

Man kann Modalver­ben übri­gens auch beliebig oft aneinan­der­rei­hen und dadurch wahre Modalver­bket­ten erstellen. Dabei sollte man aber die logis­che Rei­hen­folge der Wörter bzw. Bedeu­tung ein­hal­ten. Beachtet dabei die Ver­wen­dung von <iv> in allen nach­fol­gen­den Modalver­ben und dem Vol­lverb:

Po ftang vivar fmivi hivahaw. Sie hört auf fortzuführen zu ver­suchen zu schlafen.
Tsun awnga vivar kivan fmivi srefpivìl futa tsun­slu tsaw. Wir kön­nen weit­er­führen zu beab­sichti­gen zu ver­suchen zu ver­muten, dass das möglich ist.

Darüber, wann der Ein­satz solch­er über­trieben lan­gen Modalver­bket­ten sin­nvoll ist (vor allem ohne dabei irgend­wann lächer­lich zu klin­gen), bleibt jedem selb­st über­lassen zu entschei­den. Kurze Modalver­bket­ten (beste­hend aus zumeist zwei Modalver­ben + Verb) kom­men jedoch ver­gle­ich­sweise häu­fig vor:

Oe new vivar nivume. Ich möchte fort­führen zu ler­nen.
Po tsun sngivä'i tivaron nì'i'a. Sie kann endlich anfan­gen zu jagen.

 

Fmi oder may'?

Und zu guter let­zt noch etwas zum Unter­schied zwis­chen fmi und may'; um den zu erk­lären bedi­ene ich mich ein­fach mal eines Zitats von Karyu Pawl, über­set­zt von xMine:

Das Verb may' bedeutet "aus­pro­bieren, pro­bieren, an etw. riechen, blick­en" – Ein­fach gesagt also etwas schnell mit allen Sin­nen zu beurteilen. Zusät­zlich umfasst may' nicht nur die sen­sorische Bedeu­tung (auch die des Geschmackssinns, Anm.v. EU), son­dern bein­hal­tet auch die Bedeu­tun­gen von "bew­erten, anpro­bieren, aus­pro­bieren". Man kön­nte zum Beispiel einen neuen Bogen may'-en, etwas neues zum Anziehen, ein unbekan­ntes pa'li, einen neu-gel­ern­ten Tanzschritt (…) Die Ermah­nung Mivay' oder May' ko ste­ht dabei für "Ver­suchs doch mal!". (…)

Aber wie es sich von fmi unter­schei­det bedarf wohl ein­er kleinen Erk­lärung. Fmi bedeutet so viel wie "aus­pro­bieren", man ver­sucht also, die besagte Aktion auszuführen. May' bezieht sich eher auf die Erfahrung, die man beim aus­führen ein­er Tätigkeit hat. (…)

Ver­gle­icht nun diese bei­den Sätze: Fmi mivak­to pa'lit! "Ver­such mal, das Schreck­en­spferd zu reit­en! (Ich wette, dass du das kannst!)" — May' mivak­to pa'lit! "Pro­bier mal, ein Schreck­en­spferd zu reit­en! (Vielle­icht wird dir das bess­er gefall­en, als ein Ikran zu reit­en.)"

Kurz gesagt hat fmi etwas mit Fähigkeit zu tun, während may' sich eher auf Vor­liebe oder Geschmack bezieht.

 

Übung II:

Über­set­zt:

 

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