02: Erste einfache Sätze + die vielen Gesichter des "Seins"

Das Grundgerüst eines jeden Satzes

Nach­dem wir uns jet­zt für's erste aus­re­ichend mit den Grund­la­gen der Aussprache beschäftigt haben, schauen wir uns doch direkt ein­mal erste ein­fache Sätze an.

Ein jed­er Satz, egal ob auf Deutsch oder Na'vi, benötigt einige Ele­mente, um sin­nvoll zu sein und etwas auszusagen. Dafür braucht man immer ein Verb und zumin­d­est ein Sub­jekt. Das Sub­jekt ist der­jenige, der die Hand­lung des Verbs macht und gle­ich­sam Dreh- und Angelpunkt des Satzes ist, qua­si der Star auf der Satz-Bühne. Beispiele:

Ich gehe.
Du jagst.
Er/Sie kocht.
Wir schlafen.
Ihr lacht.
Sie ren­nen.

Ihr kön­nt das Sub­jekt eines Satzes rel­a­tiv ein­fach iden­ti­fizieren, indem ihr euch fragt: "Wer geht/jagt/kocht/… ?"

Dabei ist es erst ein­mal egal, ob der Satz auch ein Objekt bein­hal­tet, also jemand oder etwas, der/das das Ziel der Hand­lung ist bzw. von dieser Hand­lung direkt betrof­fen ist — denn wie wir ger­ade gese­hen haben, funk­tion­ieren Sätze auch ohne Objekt (also das Etwas oder der­jenige, das/der gejagt oder gekocht wird). Wie wir Objek­te mit ins Spiel brin­gen ler­nen wir aber erst in der näch­sten Lek­tion. Jet­zt erst ein­mal weit­er im Text.

 

Ver­bkon­ju­ga­tion / Das Beu­gen von Tuwörtern

Im Deutschen wer­den je nach ver­wen­de­tem Sub­jekt die Ver­ben konjugiert/gebeugt/verändert: Aus der Aus­gangs­form "gehen" wird "Ich gehe", "Du gehst", "Er geht", "Wir gehen", und so weit­er. Auf Na'vi wer­den Ver­ben auf diese Weise nicht verän­dert; es wird immer die Aus­gangs­form ver­wen­det, ganz egal, welch­es Sub­jekt im Satz vorkommt. Über­set­zen wir mal die Beispiel­sätze von ger­ade eben:

Ich gehe. Oe . = gehen
Du jagst. Nga taron. taron = jagen
Er/Sie kocht. Po 'em. 'em = kochen
Wir schlafen. Awnga hahaw. hahaw = schlafen
Ihr lacht. Ayn­ga hang­ham. hang­ham = lachen
Sie ren­nen. Ayfo tul. tul = ren­nen

Würde man es 1 zu 1 über­set­zen, sagen die Na'vi also qua­si "Ich gehen", "Du jagen", "Er/Sie kochen", "Wir schlafen", "Ihr lachen", "Sie ren­nen". Bei "wir" und "sie" passt das glück­licher­weise auch, aber bei den anderen denkt sich das deutsche Hirn, "Bitte was?" ;) Es macht daher natür­lich nur Sinn es so zu über­set­zen, wie das auf Deutsch gut bzw. richtig klin­gen würde.
Ihr seht hier aber, dass die Na'vi das so erst ein­mal wesentlich ein­fach­er hand­haben als wir Deutschsprachi­gen.

 

Wort­stel­lung / Wor­tord­nung / Syn­tax

Dabei ist es übri­gens egal, in welch­er Anord­nung wir die Wörter im Satz ver­pack­en, denn die Na'vi haben eine mehr oder min­der freie Wort­stel­lung. Soll heißen, dass man Wörter in Sätzen weit­ge­hend so herum wür­feln kann, wie man lustig ist, ohne dabei die grundle­gende Bedeu­tung des Satzes zu verän­dern.
In der deutschen Sprache ist dies defin­i­tiv anders, denn sie hat fest­gelegte Wort­stel­lun­gen, die die Bedeu­tung des Satzes defin­i­tiv bee­in­flussen.
Wenn man "Ich gehe" herum­dreht, wird daraus direkt eine Frage, näm­lich "Gehe ich?". In der Sprache der Na'vi gibt es diesen Effekt aber nicht:
Egal ob "Oe " oder " oe", bei­des bedeutet "Ich gehe".

 

Das kleine Gram­matik-ABC für diese Lek­tion

 

Sub­jekt: Der­jenige im Satz, der die Hand­lung tut, Dreh- und Angelpunkt des Satzes, "Han­del­nder". — "Wer?"

Verb: Tuwort, Hand­lung, Aktion des Satzes. Das, was das Sub­jekt des Satzes tut.

Objekt: Der­jenige im Satz, der Ziel der Hand­lung ist. "Betrof­fen­er". — "Wen?"

Kon­ju­ga­tion: Beu­gung bzw. Verän­dern von Ver­ben, je nach ver­wen­de­tem Sub­jekt. — "gehen; Ich gehe, du gehst, er geht, usw."

Adjek­tiv: Eigen­schaftswort, z.B. schnell, grün, schlau, groß, alt, müde.

 

 

Die vie­len Gesichter des "Seins"

Auf Deutsch kön­nen wir sagen, "Ich bin Kris", "Ich bin Jäger", "Ich bin schnell", "Ich bin müde", "Ich bin zu Hause" und so weit­er. Hier wird für all diese Vari­anten ein uns das­selbe Grund­verb ver­wen­det: "sein". Auf Deutsch funk­tion­iert das so also, auf Na'vi allerd­ings nicht — denn für all diese ver­schiede­nen Aus­sagen bzw. die ver­schiede­nen Arten des "Seins" haben die Na'vi ver­schiedene Ver­ben.

Wenn man ver­suchen würde, diese Sätze zu über­set­zen, würde man im Wörter­buch wahrschein­lich als erstes das Wörtchen lu find­en, aber auch einige andere, die etwas mit "sein" zu tun haben — Ver­wirrung vor­pro­gram­miert. Doch bevor ihr euch davon ver­wirren lasst, lasst mich erk­lären. :D

 

Lu ist defin­i­tiv schon ein­mal eine gute Rich­tung. Es heißt tat­säch­lich ein­fach nur "sein" und kann für haupt­säch­lich drei ver­schiedene Aus­sagen ver­wen­det wer­den:

  1. Oe lu taronyu. Ich bin (ein/der) Jäger. — Nga sa'nok lu. Du bist (eine/die) Mut­ter. — Neytiri narlor lu. Neytiri ist schön.
    Hier wird lu ver­wen­det, um den Zus­tand von etwas oder jeman­den auszu­drück­en, qua­si wie ein Gle­ich­heit­sze­ichen: Ich = Jäger, Neytiri = schön, usw.
  2. Aun­gia lu. Es gibt ein Zeichen / (da) ist ein Zeichen.
    Hier wird die generelle Exis­tenz oder das Vorkom­men von etwas aus­ge­drückt.
  3. Oeru lu puk. Mir ist ein Buch = Ich habe ein Buch.
    Eine Möglichkeit, um Besitz auszu­drück­en. Mehr Details dazu und weit­ere Vari­anten gibt's aber erst später.

 

Hier ist vor allem Punkt 1 wichtig:
Oe lu taronyu. Ich bin Jäger.
Ich bin Jäger, Ich = Jäger; Oe lu taronyu, Oe = taronyu.

Das funk­tion­iert wun­der­bar, auf Deutsch sowie auf Na'vi.
Das kann man auch mit Adjek­tiv­en wie "schnell" machen, also auch mit dem Beispiel­satz "Ich bin schnell":

Oe lu win. Ich bin schnell.
Oe lu win, Oe = win; Ich bin schnell, Ich = schnell.

Doch kann man das nun auch für die anderen Beispiele von ger­ade eben anwen­den? Was ist mit "Ich bin Kris"?

 

Syaw

Ok, auf Deutsch würde man wahrschein­lich eher sagen "Ich bin die Kris" (ein Und­ing! ;P) oder ein­fach nur "Ich heiße Kris". Und ähn­lich wie "Ich heiße Kris" sagen das auch die Na'vi; sie ver­wen­den hier­für nicht lu, son­dern syaw ("rufen, nen­nen"):

Oeru fko syaw Krrsì. Zu mir man ruft Kris = Man nen­nt mich Kris = Ich heiße Kris.

Dies ist eine fixe Sch­ablone, die ihr gerne ver­wen­den dürft und sollt. Auch hier­bei dürft ihr, da Na'vi eine freie Wort­stel­lung hat, die Wörter so herumwür­feln, wie es euch am besten gefällt:

Oeru syaw fko Krrsì, Krrsì syaw fko oeru, Syaw fko oeru Krrsì und so weit­er, es bedeutet immer "Ich heiße Kris".

Natür­lich kön­nte man auch ein­fach "Oe lu Krrsì" (Oe = Krrsì) sagen — jedoch klingt dies eher ein wenig unbe­holfen. "Oeru fko syaw _Name_" ist defin­i­tiv näher an der Art und Weise, wie die Na'vi es sagen wür­den.

Ver­sucht euch doch ein­mal an einem ersten Gespräch mit anderen Ler­nen­den und stellt euch vor — ver­wen­det dabei aber bitte euren eige­nen Namen, es sei denn, ihr heißt auch Kris ;D

 

'efu

Und was ist mit "Ich bin müde"? Der erste Ver­such es zu über­set­zen würde wahrschein­lich in etwas wie "Oe lu ngeyn" mün­den, jedoch kön­nt ihr euch sich­er schon denken, dass dies so nicht funk­tion­iert. Denn die Na'vi sagen qua­si "Ich füh­le (mich) müde" — und wenn ich im Wörter­buch nach­schlage, spuckt es mir für "fühlen, empfind­en, wahrnehmen" das Verb 'efu aus.
'efu wird für innere Gefüh­le und Empfind­un­gen ver­wen­det, nicht für den Tastsinn — dafür gibt es andere Ver­ben.

Oe 'efu ngeyn. Ich füh­le (mich) müde = Ich bin müde.

Auch hier darf man die Wörter wieder herum jonglieren, ohne die Bedeu­tung zu verän­dern: Oe ngeyn 'efu, 'efu oe ngeyn, Ngeyn 'efu oe, usw. — heißt alles "Ich bin müde".

 

Tok

Okay, und was ist mit unserem let­zten Beispiel, "Ich bin zu Hause"? Dafür gibt's doch sich­er auch ein anderes Wort als lu, oder?

Jep, genau so ist es ;) Wenn man näm­lich "Oe lu kelku" sagen würde, würde dies ja "Ich = Haus; Ich bin ein/das Haus" bedeuten — und das ist ja nicht das gewün­schte Ergeb­nis.

Stattdessen gibt es das Verb tok:
tok (räum­lich) sein, an einem Ort sein, einen Ort füllen, räum­lich ein­nehmen.

Dieses Verb ist jedoch tran­si­tiv, was in Kürze gesagt nur bedeutet, dass es ein Objekt haben kann:

Oel tok kelku­ti. Ich bin (räum­lich) zu Hause.

 

Aber was es mit diesem "tran­si­tiv" auf sich hat und warum auf ein­mal ein L an oe und ein TI an kelku dran hängt, schauen wir uns erst in der näch­sten Lek­tion genauer an. :P

 

Ihr habt es vielle­icht schon selb­st fest­gestellt: Die Na'vi haben bzw. ver­wen­den keine Artikel. Artikel sind kleine Wörtchen wie "der, die, das" oder "ein, eine".
Oe lu taronyu kann also heißen:
Ich bin Jäger.
Ich bin ein Jäger.
Ich bin der Jäger.

Woher weiß man, wann man es als "ein" oder "der" Jäger über­set­zen soll? Nun… je nach Kon­text bzw. wie es sich für euch am besten anhört. ;P

 

Diese Lek­tion dürfte schon rel­a­tiv deut­lich gemacht haben, dass die Na'vi vieles anders aus­drück­en als wir Deutschsprachi­gen. Dies wer­den wir auch in Zukun­ft immer wieder beobacht­en kön­nen; daher rate ich euch:

 

  • 1zu1-Über­set­zun­gen sind sel­ten eine gute Idee, daher predi­gen die Mit­glieder von LearnNa'vi immer wieder, "Über­set­ze die Bedeu­tung, nicht die Wörter".
    Über­prüft daher, was Sätze auf Deutsch genau aus­sagen wollen. Was genau bedeuten sie? Gibt es andere Wege oder Wörter, wie man das auf Deutsch aus­drück­en kön­nte?
  • Wenn ihr im Wörter­buch sucht, über­prüft genau und in Ruhe welch­es Ergeb­nis am ehesten passen kön­nte, denn so wie wir es jet­zt mit "sein" erlebt haben, haben die Na'vi für viele deutsche Verben/Wörter etliche ver­schiedene Vari­anten, die alle etwas anderes bedeuten und entsprechend ver­wen­det wer­den. Also, Augen auf! ;)
  • Wenn ihr euch mal nicht sich­er seid oder nicht weit­er wisst: Bit­tet um Hil­fe! Es ist noch kein Meis­ter vom Him­mel gefall­en und Hil­fe gibt's auf LearnNa'vi gratis mit dazu — ihr müsst euch nur melden :)

 

Übung I:

Über­set­zt fol­gende Sätze entsprechend ins Deutsche.

1 / 5

Oe slele.

2 / 5

Nga hahaw.

3 / 5

Ayngaran.

4 / 5

Awnga rol.

5 / 5

Ayfo yom.

Prozentzahl richtiger Antworten:

0%

Vok­a­beln: tul = ren­nen; hahaw = schlafen; rol = sin­gen; slele = schwim­men, tìran = gehen, spazieren, wan­deln; yom = essen.

 

 

Übung II:

Wählt alle kor­rek­ten Über­set­zun­gen fol­gen­der Sätze aus:

1 / 6

Er ist Koch.

2 / 6

Du bist jung.

3 / 6

Sie ist ein Kün­stler.

4 / 6

Es gibt Essen.

5 / 6

Wir sind klug.

6 / 6

Eytukan ist hun­grig.

Prozentzahl richtiger Antworten:

0%

 

Übung III:

Lest fol­gende kurze Geschichte und das darin enthal­tene Gespräch laut mit:

Nawai hu tsmuke sneyä alu Ikani kxamna'rìng tìran. Mefo 'awsiteng pängkxo. Nawai und ihre Schwest­er Ikani spazieren durch den Wald. Die bei­den unter­hal­ten sich.
Ikani: Peu lu tsaw?
Nawai: Tsaw kali'weya lu.
I: Ulte tsaw lu peu?
N: Lu 'ewll.
I: Ulte tsaw peu lu?
N: Tsahey, newomum nga nìtxan! Fnu set.
Ikani: Was ist das?
Nawai: Das ist eine Spinne.
I: Und was ist das?
N: Das ist eine Pflanze.
I: Und was ist das?
N: Mein lieber Schol­li, bist du neugierig! Sei jet­zt still.

 

Bonus­frage: Warum bedeutet der Satz "Lu 'ewll" hier nicht "Es gibt eine Pflanze"?

Spoil­er — Hier klick­en um Antwort zu sehen
Es heißt "Das/es ist eine Pflanze", da Nawai auf die Frage von Ikani antwortet:
Tsaw lu peu? Das ist was? / Was ist das?
(Tsaw) lu 'ewll. (Das) ist eine Pflanze.

Das tsaw für "das" wird ein­fach nicht wieder­holt, sprich aus­ge­lassen, obwohl es den­noch gemeint / impliziert ist.