Lektion 29: tsun vs. tung & Passive Stimme

Erlaub­nis ver­sus Fähigkeit: tsun & tung

Wenn man jeman­dem etwas erlaubt, also jemand etwas darf, gibt es auf Na'vi dafür eine mehr oder min­der fixe Art und Weise, wie man das aus­drück­en kann, näm­lich: tung futa

tung = erlauben, zulassen, lassen, ges­tat­ten, gewähren.

Schon meine Deutschlehrerin hat sich immer darüber aufgeregt, wenn die Schüler gefragt haben "Kann ich mal auf's Klo?" — als schnip­pis­che Antwort kam dann meis­tens "Ich weiß nicht, ob du's kannst…" ^^ Heute ver­ste­he ich, woher diese schnip­pis­che Antwort kam. Wir ver­wech­seln näm­lich gerne mal "kön­nen" mit "dür­fen"

Was heißt "kön­nen"? Im umgangssprach­lichen Deutschen kann dies heißen, dann man die Fähigkeit besitzt, etwas tun zu kön­nen oder dass man etwas machen darf (Erlaub­nis). Viele wählen also deswe­gen automa­tisch tsun, um bei­des auf Na'vi auszu­drück­en, was per se auf Deutsch wie auch auf Na'vi nicht "falsch" ist, allerd­ings wirk­lich genau oder ele­gant… nun, da schei­den sich die Geis­ter. Wenn man es genau nehmen möchte, kann man sich an fol­gen­dem ori­en­tieren:

Fähigkeit (kön­nen): tsun,
Erlaub­nis (dür­fen): tung.

Man kann aber tsun dur­chaus für bei­des ver­wen­den, denn die Na'vi ver­murk­sen das augen­schein­lich genau­so gerne wie wir; sie set­zen kön­nen oft mit dür­fen gle­ich bzw. ver­wech­seln es. Daher ist tsun in all den hier genan­nten und fol­gen­den Sit­u­a­tio­nen nicht verkehrt — ich möchte nur den­noch hier auf die feinen Unter­schiede zwis­chen tsun und tung einge­hen.

 

Beispiele (beachtet hier dabei den Dativ -ru in manchen Sätzen und dessen Auswirkung, lest dazu nochmal in Lek­tion 10 + 14 nach, falls nötig):
tung mit futa:
Ke tung Na'vil futa tswìk kxener­it Mo'araka nìwotx.
Die Na'vi erlauben nicht, dass man in ganz Mo'ara (eine Zigarette) raucht. In ganz Mo'ara ist das Rauchen ver­boten.

Pol tol­ung futa oe kivä. Er hat erlaubt, dass ich gehe.
Pol tol­ung oeru futa kivä. Er hat mir erlaubt zu gehen.
Tung oer futa kivä! Erlaube mir zu gehen! Lass mich gehen!

Oel ngaru tung futa taron. Ich ges­tat­te es dir zu jagen.
Sa'nokìl tung 'eviru sneyä futa uvan sivi 'eylan­hu. Die Mut­ter erlaubt ihrem (eige­nen) Kind mit (seinem) Fre­und zu spie­len.

Ke tamung pol futa nan­tang skxir si 'iteru sneyä. Sie ließ  nicht zu, dass der Nan­tang ihre Tochter ver­let­zt.

 

Generell kann tung aber auch ohne futa ver­wen­det wer­den. tung mit direk­tem Objekt (Sub­stan­tiv), welch­es nicht futa ist:
Ke tung fkol tìwusemit fìt­seng. Man erlaubt Kämpfen hier nicht. Kämpfen ist hier nicht erlaubt.
Ke tung fkol tìs­luse­le fìk­il­van­mì. Man erlaubt das Schwim­men in diesem Fluss nicht. Das Schwim­men ist in diesem Fluss nicht ges­tat­tet.

 

Nehmen wir doch nochmal den Beispiel­satz von oben, "Kann ich mal auf's Klo?", und über­set­zen ihn ein­mal im Bezug auf Fähigkeit und ein­mal im Bezug auf Erlaub­nis:

Srake tsun oe fngivä'?Kann ich pinkeln? Habe ich Harn­drang, Ort, Gele­gen­heit, funk­tion­ierende Blase, also die Fähigkeit um pinkeln zu kön­nen?

Srake tung oer futa fngä'?Erlaubt (man) mir zu pinkeln? Darf ich auf­ste­hen, aufs Klo gehen etc.? Gibt man mir die Erlaub­nis?

Aber wie oben bere­its erwäh­nt geht tsun in bei­den Fällen, die Bedeu­tung ("dür­fen") bleibt bei tsun sowie bei tung erhal­ten, auch wenn die wörtliche Über­set­zung genau genom­men zu einem unter­schiedlichen Ergeb­nis führt:

Wörtlich:
Srake tsun oe fngivä'?
Kann ich pinkeln?

Über­tra­gen:
Srake tsun oe fngivä'?
Darf ich pinkeln?

Aber man muss ja auch nicht immer alles super genau nehmen — tun wir in unser­er Mut­ter­sprache ja schließlich auch nicht, wie hier ver­an­schaulicht wurde :P

 

 

Die pas­sive Stimme

Was soll denn bitte eine pas­sive Stimme sein? Gibt's dann auch eine aktive Stimme?! Ich erklär's euch direkt anhand einiger Beispiele auf Deutsch:

Aktive Stimme Pas­sive Stimme
Der Feind hat meinen Fre­und getötet. Mein Fre­und wurde vom Feind getötet.
Die Katze frisst den Vogel. Der Vogel wird von der Katze gefressen.
Der Jäger bringt das Wild­schwein zum Lager. Das Wild­schwein wird vom Jäger zum Lager gebracht.

 

Klar, was gemeint ist, oder? Jet­zt ist es aber so, dass die Na'vi eine "pas­sive Stimme" nicht haben — wir kön­nen auf Na'vi nicht pas­siv aus­drück­en "wurde getötet, wird gefressen, wird gebracht". Warum erzähl ich euch das alles also?
Nun, es gibt einen Umweg, wie wir den gle­ichen Effekt auch auf Na'vi erzeu­gen kön­nen. Dafür gibt es eine fixe Sch­ablone, die sich vor allem an ein­er fes­ten Wort­stel­lung ori­en­tiert, näm­lich OSV — Objekt, Sub­jekt, Verb. Ähn­lich wie im Deutschen:

Der Feind hat meinen Fre­und getötet. Sub­jekt, Objekt, Verb; SOV.
Mein Fre­und wurde vom Feind getötet. Objekt, Sub­jekt, Verb; OSV.
Na gut, da sind noch hier unklas­si­fizierte Schnipsel wie "vom" oder "hat" oder "wurde", aber der Auf­bau ist rel­a­tiv ähn­lich. Jeden­falls…

 

Nun gibt es mehrere Wege, wie man diese spezielle Wort­stel­lung, die über­set­zt immer die pas­sive Stimme im Deutschen ergibt, auf Na'vi anwen­den kann. Da kann man spez­i­fis­che Sub­jek­te wie in den Beispiel­sätzen oben wählen:

Aktive Stimme Pas­sive Stimme
Kxu­tul 'eylan­it oeyä tspolang.
Der Feind hat meinen Fre­und getötet.
'eylan­it oeyä kxu­tul tspolang.
Mein Fre­und wurde vom Feind getötet.
Palukantsyìpìl yay­oti yom.
Die Katze frisst den Vogel.
Yay­oti palukantsyìpìl yom.
Der Vogel wird von der Katze gefressen.
Taronyul fwampop­ti ne tsray kämunge.
Der Jäger bringt das Wild­schwein zum Lager.
Fwampop­ti taronyul ne tsray kämunge.
Das Wild­schwein wird vom Jäger zum Lager gebracht.

(Da das auf Pan­do­ra dem Wild­schwein ähn­lich­ste Tier wohl ein Fwampop [Tapirus] ist, habe ich mich in der Über­set­zung dafür entsch­ieden ^^)

Oder man entschei­det sich für die vage, unspez­i­fis­che pas­sive Stimme (die auch schon bere­its in Lek­tion 8 kurz angeschnit­ten wurde), in der auf Deutsch über­haupt kein Sub­jekt auf­taucht:

Mein Fre­und wurde getötet.
Der Vogel wird gefressen.
Das Wild­schwein wird zum Lager gebracht.

Wie stellt man das jet­zt auf Na'vi an? Indem man das durch das unbekan­nte oder nicht genan­nte Sub­jekt verur­sachte Loch mit fko füllt und bei OSV bleibt:

'eylan­it oeyä fkol tspolang. Mein Fre­und wurde getötet. ("Man hat meinen Fre­und getötet.")
Yay­oti fkol yom. Der Vogel wird gefressen. ("Man frisst/isst den Vogel.")
Fwampop­ti fkol ne tsray kämunge. Das Wild­schwein wird zum Lager gebracht. ("Man bringt das Wild­schwein zum Lager.")

Wichtig: Fko(l) darf man hier­bei nicht ein­fach weglassen, denn dieses Lück­en­füller-Sub­jekt wird in dieser vagen Kon­struk­tion immer benötigt.

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