Lektion 16: Modalverben + iv

Wie ihr sich­er schon bemerkt habt, hat sich im Ver­lauf der let­zten Lek­tio­nen immer wieder das ein oder andere gram­matikalis­che Ele­ment eingeschlichen, was noch nicht für sich behan­delt wurde, darunter auch vor allem Modalver­bkon­struk­tio­nen (sie sind halt ein­fach mega prak­tisch und geläu­fig, tsun pehem, hrh). Um eben jene geht's nun endlich in dieser Lek­tion.

Modalver­ben? Ken­nen wir auch im Deutschen: kön­nen, mögen, wollen, sollen, müssen, dür­fen, und so weit­er. In Na'vi-Wörterbüchern wer­den sie oft­mals durch vtrm. (tran­si­tives Modalverb) oder vinm. (intran­si­tives Modalverb) gekennze­ich­net.
Ein Modalverb ist "ein Verb, das ein Vol­lverb dahinge­hend ergänzt, dass es aus­drückt, ob die Hand­lung zum Beispiel möglich, gewollt oder notwendig ist." (Quelle)

Hier eine Über­sicht der Modalver­ben:

Verb Klas­si­fizierung Bedeu­tung
tsun vinm. kön­nen, in der Lage sein (etwas zu tun), dür­fen (Höflichkeit)
zene vinm. müssen, sollen
zenke vinm. nicht dür­fen
fmi vtrm. ver­suchen, pro­bieren
may' vtrm. ver­suchen, aus­pro­bieren, kosten, testen
var vinm. fort­führen (etwas zu tun), weit­er­ma­chen, einen Zus­tand beibehal­ten
new vtrm. möcht­en, wollen
nul­new vtrm. lieber wollen, bevorzu­gen
ftang vinm. aufhören, anhal­ten, stop­pen
sngä'i vinm. begin­nen, anfan­gen, starten
sto vtrm. weigern (etwas zu tun), ver­weigern, ablehnen, abschla­gen
kan vtrm. zie­len, beab­sichti­gen (etwas zu tun)
kom vinm. wagen (etwas zu tun)

 

Modalver­ben zu ver­wen­den ist gar nicht so schw­er, was das Ganze etwas kom­pliziert macht, ist, wenn die L&T‑Endung auf Na'vi mit ins Spiel kom­men. Aber dazu später mehr. Jet­zt erst­mal die Basics:

Wie in Lek­tion 13 schon ange­sprochen, wird <iv> auch im Zusam­men­hang mit Modalver­ben ver­wen­det…

Ich möchte ler­nen. Oe new nivume.
Ich möchte essen. Oe new yivom.
Du willst jagen. Nga new tivaron.
Er muss gehen. Po zene kivä.
Sie begin­nt zu lesen. Po sngä'i ivinan.
Sie dür­fen nicht ster­ben. Fo zenke tiverkup.
Du hörst auf zu schlafen. Nga ftang hivahaw.
Sie kön­nen malen. Fo tsun wiveyn.

Wie ihr sehen kön­nt, muss man <iv> in dem auf das Modalverb fol­gende Verb ein­fü­gen!

Das ganze kann man natür­lich auch mit anderen Ele­menten wie Zeit­for­men, Stim­mungsin­fix­en und so weit­er mis­chen. Beispiele:

Wir woll­ten schwim­men. Moe namew slivele.
Du wirst jagen dür­fen. Nga tsayun tivaron.
Sie durfte nicht sin­gen :( Po zolenängke rivol. (Nicht zolenkänge, mehr zu zenke und Infix­en siehe unten.)

Solche Infixe müssen dann aber ins Modalverb sel­ber und nicht in das darauf fol­gende Verb einge­set­zt wer­den. Eine Aus­nahme bilden da vor allem ab und an <eyk> und <äp>; sie kön­nen auch in das Verb auf das Modalverb fol­gend einge­fügt wer­den, damit das ganze Gefüge sin­nvoll bleibt:

Ke tsun tìvawm käpivurakx, nì'aw takem sivi atan. Die Dunkel­heit kann sich nicht selb­st aus­treiben, nur das Licht möge dies tun.
Ke new läpivawk oe nulkrr. Ich möchte nicht länger über mich reden.
Zene zeykivo poti tire­tul. Der Schamane muss ihn heilen.

 

Die Wortstellung/Anordnung bei Modalver­ben ist vorzugsweise: das Modalverb und danach direkt das damit ver­wen­dete, andere Verb — wie in den Beispie­len oben. Also: Modalverb, Verb. Oe new nivume. Nga tsun hiva­haw. Und so weit­er.
Man kann das Ganze aber natür­lich auch entsprechend anders anord­nen:
New oe nivume.
Tsun nga hiva­haw.
Hier haben sich oe bzw. nga zwis­chen die bei­den zusam­menge­höri­gen Ver­ben gequetscht.
Oder aber:
New nivume oe.
Tsun hiva­haw nga.

Die einzige Regel dabei ist, dass das Modalverb immer vor dem anderen, dazuge­höri­gen Verb ste­hen muss. Wo genau im Satz ist rel­a­tiv flex­i­bel, sie soll­ten aber den­noch so nah wie irgend möglich beieinan­der ste­hen. Alles andere ist nur Geschmackssache bzw. eine Sache der Her­vorhe­bung von einzel­nen Wörtern (siehe Abschnitt zu "Gewicht in Sätzen" in Lek­tion 03).

Vor allem im Zusam­men­hang mit si-Ver­ben lassen sich so inter­es­sante Wor­tord­nun­gen zaubern. Beispiel aus einem Blog­post von Karyu Pawl höch­st­per­sön­lich:
Ha kempe tsun sivi (fko) set?
Die geläu­figere Anord­nung wäre
Ha tsun kempe sivi (fko) set?
… Aber bei­de Vari­anten sind möglich. Schon inter­es­sant, vor allem in anbe­tra­cht dessen, was wir bzgl. si-Ver­ben gel­ernt haben (Lek­tion 10). Damit ihr jet­zt nicht auf Lek­tion 10 zurück­sprin­gen müsst (:P), hier nochmal konkret das gemeinte Beispiel:
Tsakem a ke tsol­un sivi oe ke lu ftue.
Um's etwas klar­er zu machen: Kem si beste­ht ja aus einem Sub­stan­tiv und dem Hil­fsverb si. Im Bezug auf Modalver­ben ist es also nur wichtig, dass das Modalverb grundle­gend vor den si-Teil des si-Verbes gestellt wird. Wohin genau das Sub­stan­tiv des si-Verbes gepackt wird, scheint dabei neben­säch­lich zu sein — solange es eben­falls vor dem si-Teil des si-Verbes ste­ht.

 

Modalver­ben kann man natür­lich auch alleine als eigen­ständi­ges Verb ver­wen­den, ohne Modalver­bkon­struk­tio­nen wie die oben ste­hen­den:

Oel tey­lu­ti new. Ich möchte Tey­lu.
Pol mau­ti­ti may'. Sie probiert/kostet eine Frucht.

 

 

Was ist aber nun, wenn man das Ganze in kom­plex­eren Sätzen (mit Fal­l­en­dun­gen usw.) anwen­den möchte? Nun ja, da kom­men einige beson­dere Regeln für Modalverb-Kon­struk­tio­nen hinzu, die man verin­ner­lichen und beacht­en sollte. (Für detail­liert­ere Infos auf Englisch dazu, lest euch gerne Karyu Pawls Blog­post dazu durch: http://naviteri.org/2011/03/word-order-and-case-marking-with-modals/)

Die generell bevorzugte und emp­foh­lene Satzstel­lung für Modalkon­struk­tio­nen mit L&T‑Endungen sieht wie fol­gt aus:

Ich möchte Tey­lu essen. Oe new yivom tey­lut.
(S vm. v. O / Sub­jekt Modalverb Verb Objekt)

Hier wird das L, was eigentlich an oe ange­hängt wer­den müsste, wegge­lassen — und das ist gram­matikalisch kor­rekt so, denn Modalkon­struk­tio­nen in dieser Satzstel­lung erlauben bzw. erfordern dies sog­ar.

Genau­so möglich und weit akzep­tiert bzw. noch mehr bevorzugt ist aber auch fol­gende Stel­lung:

Ich möchte Tey­lu essen. Oel tey­luti new yivom.
(S O vm. v. / Sub­jekt Objekt Modalverb Verb)

Andere Stel­lun­gen sind natür­lich auch möglich, aber je nach­dem weniger bis gar nicht akzept­abel (soll heißen, Na'vi wür­den darüber wahrschein­lich die Nase rümpfen). Bleibt also vorzugsweise bei den bei­den oben ste­hen­den Satzstel­lun­gen.

 

 

Man kann Modalver­ben übri­gens auch beliebig oft aneinan­der­rei­hen und dadurch wahre Modalver­bket­ten erstellen. Dabei sollte man aber die logis­che Rei­hen­folge der Wörter bzw. Bedeu­tung ein­hal­ten. Beachtet dabei die Ver­wen­dung von <iv> selb­st in den nach­fol­gen­den Modalver­ben:

Po ftang vivar fmivi hivahaw. Sie hört auf fortzuführen zu ver­suchen zu schlafen.
Tsun awnga vivar kivan fmivi srefpivìl futa tsun­slu tsaw. Wir kön­nen weit­er­führen zu beab­sichti­gen zu ver­suchen zu ver­muten, dass das möglich ist.

Darüber, wann der Ein­satz solch­er über­trieben lan­gen Modalver­bket­ten sin­nvoll ist (vor allem ohne dabei irgend­wann lächer­lich zu klin­gen), bleibt jedem selb­st über­lassen zu entschei­den. Kurze Modalver­bket­ten (beste­hend aus zumeist zwei Modalver­ben + Verb) kom­men jedoch ver­gle­ich­sweise häu­fig vor:

Oe new vivar nivume. Ich möchte fort­führen zu ler­nen.
Po tsun sngivä'i tivaron nì'i'a. Sie kann endlich anfan­gen zu jagen.

 

 

Die Extrawurst namens zenke

Mal davon ab, dass zenke umgangssprach­lich bzw. generell eher zengke aus­ge­sprochen wird, zickt es etwas rum, wenn man Infixe in dieses Modalverb pack­en möchte.

Ursprünglich stammt zenke von fol­gen­der Kon­struk­tion ab: zene ke (2. Verb), zum Beispiel zene ke kivä ("… darf nicht gehen"). zene und ke wur­den also ein­fach zuerst zu zeneke und dann zu zenke zusam­menge­zo­gen.
Dies ist deswe­gen rel­e­vant, weil aus zenke wieder zeneke wird (das wegge­lassene zweite e schle­icht sich also wieder zurück ins Wort), sobald man <ats> oder <uy> in dieses Modalverb ein­fügt:
zenke + <ats> = zenatseke
zenke + <uy> = zenuyeke

Dies gilt aber nur für diese bei­den Infixe, bei allen anderen ver­hält sich zenke mehr oder min­der entsprechend vorherse­hbar:
zenke + z.B. <ol> = zolenke
zenke + z.B. <äng> = zenängke
zenke +
z.B. <ay> + <ei> = zayeneike
Und nochmal das Beispiel von oben:
zenke +
z.B. <ol> + <äng> = zolenängke

Die zweite Infix­poi­si­tion bei zenke ist also nicht zenk<2>e, son­dern zen<2>ke, weil das Usprungsverb zene (zen<2>e + ke) ist.
Nochmal mit allen Infix­po­si­tion­s­grup­pen: z<0><1>en<2>ke.

 

 

Und zu guter let­zt noch etwas zum Unter­schied zwis­chen fmi und may'; um den zu erk­lären bedi­ene ich mich ein­fach mal eines Zitats von Karyu Pawl, über­set­zt von xMine:

Das Verb may' bedeutet "aus­pro­bieren, pro­bieren, an etw. riechen, blick­en" – Ein­fach gesagt also etwas schnell mit allen Sin­nen zu beurteilen. Zusät­zlich umfasst may' nicht nur die sen­sorische Bedeu­tung (auch die des Geschmackssinns, Anm.v. EU), son­dern bein­hal­tet auch die Bedeu­tun­gen von "bew­erten, anpro­bieren, aus­pro­bieren". Man kön­nte zum Beispiel einen neuen Bogen may'-en, etwas neues zum Anziehen, ein unbekan­ntes pa'li, einen neu-gel­ern­ten Tanzschritt (…) Die Ermah­nung Mivay' oder May' ko ste­ht dabei für "Ver­suchs doch mal!".

(…) Aber wie es sich von fmi unter­schei­det bedarf wohl ein­er kleinen Erk­lärung. Fmi bedeutet so viel wie "aus­pro­bieren", man ver­sucht also, die besagte Aktion auszuführen. May' bezieht sich eher auf die Erfahrung, die man beim aus­führen ein­er Tätigkeit hat. (…)

Ver­gle­icht nun diese bei­den Sätze:
Fmi mivak­to pa'lit!
"Ver­such mal, das Schreck­en­spferd zu reit­en! (Ich wette, dass du das kannst!)"
May' mivak­to pa'lit!
"Pro­bier mal, ein Schreck­en­spferd zu reit­en! (Vielle­icht wird dir das bess­er gefall­en, als ein Ikran zu reit­en.)"

Kurz gesagt hat fmi etwas mit Fähigkeit zu tun, während may' sich eher auf Vor­liebe oder Geschmack bezieht.

 

 

Übung I:

Welche Version/en ist/sind kor­rekt?

1. Sie ist schüchtern, daher kann sie nicht vor Leuten sin­gen.
  1. Po lu na loreyu 'awnampi, tafral ke tsun riv­ol eo sute.
  2. Po lu na loreyu 'awnampi, tafral ke new riv­ol eo sute.
  3. Po lu na loreyu 'awnampi, tafral ke tsun rol eo sute.
2. Ver­such (das) acht Mal schnell zu sagen!
  1. May' pivlltxe alo avol nìwin!
  2. Var pivlltxe alo avol nìwin!
  3. Fmi pivlltxe alo avol nìwin!
3. Die Schamanin muss dieses Omen deuten.
  1. Tsahìkìl fìaun­giati zene ralpiveng.
  2. Tsahìk zene fìaun­giati ralpiveng.
  3. Ralpiveng zene tsahìk fìaun­giati.
4. Ich würde es bevorzu­gen alleine zu essen.
  1. Oe nul­nivew yivom le'awtu.
  2. Oe nul­nivew yivom nì'awtu.
  3. Oe nivul­new yivom nì'awtu.
5. Er hat abgelehnt mit mir zusam­men zu arbeit­en.
  1. Sto­lo po oehu 'awsiteng tìkangkem sivi.
  2. Po sto­lo tìkangkem sivi oehu 'awsiteng.
  3. Sto­lo tìkangkem sivi 'awsiteng oehu po.
6. Wenn sich ein Ikran mit ein­er Per­son verbindet, hört er auf wild zu sein.
  1. Ikranìri krra hu tute tsa­heyl si, txey livu yrr.
  2. Ikranìri krra hu tute tsa­heyl si, ftang livu yrr.
  3. Krra tute­hu tsa­heyl si ikran, ftang livu yrr.
7. Ich hat­te ger­ade beab­sichtigt ihn zu töten.
  1. Pot oel vìmar tspi­vang.
  2. Pot oel kìman tspi­vang.
  3. Pot oel nìmew tspi­vang.
8. Nachts begin­nt der Wald durch Bio­lu­min­iszenz zu leucht­en.
  1. Na'rìng sngä'i nivrr txonkrr syu­ratan­fa.
  2. Na'rìng tsyul nivrr txonkrr syu­ratan­fa.
  3. Na'rìng sngä'i nrr txon fa syu­ratan.

Übung II:

 

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