Lektion 09: Adjektive & a

Die große, blaue Neytiri ist schön. — Tsawla Neytiri aean lu narlor.

Unsere Möglichkeit­en im Deutschen, um Sub­stan­tive mith­il­fe von Adjek­tiv­en zu beschreiben, sind ziem­lich lim­i­tiert bzw. eher gesagt lang­weilig im Ver­gle­ich zu der Art und Weise, wie die Na'vi das hand­haben.
(Adjek­tive wer­den auch Bei­wörter oder Wiewörter genan­nt, sie beschreiben die Attribute/Eigenschaften von Din­gen, z.B. blau, grün, gelb, groß, klein, schnell, langsam, met­allisch, müde etc.)


Natür­lich kön­nte man es auch wie im Deutschen hand­haben und eine Aufzäh­lung von Adjek­tiv­en machen: Neytiri lu tsawl sì ean sì narlor. Ist aber echt lang­weilig, wenn man stattdessen Adjek­tive qua­si an das Sub­stan­tiv tack­ern kann, oder?
Im Deutschen kön­nen wir das auch, aber nur in eine Rich­tung:
Die große, blaue Neytiri ist schön.
Auf Na'vi "umschließen" Adjek­tive das dazuge­hörige Sub­stan­tiv aber, soll heißen, dass links und rechts von einem Sub­stan­tiv jew­eils (nur) ein Adjek­tiv ste­hen darf:

Tsawla, eana Neytiri lu narlor wäre also falsch!
Tsawla Neytiri aean lu narlor wäre kor­rekt.

Wie ihr sehen kön­nt, ste­ht links und rechts von Neytiri jew­eils ein Adjek­tiv. Jedes weit­ere Adjek­tiv, was man hinzufü­gen wollen würde, müsste via Aufzäh­lung mith­il­fe von a und/oder lu darauf fol­gen, wie hier narlor.
Man kann auf diese Weise rein the­o­retisch unendlich viele Adjek­tive an ein Sub­stan­tiv hän­gen, vor allem mit Hil­fe von a (und natür­lich mit ), aber zu a kom­men wir erst am Ende dieser Lek­tion und beleucht­en es noch genauer in später fol­gen­den Lek­tio­nen.

 

Warum heißt es aber nicht ein­fach tsawl Neytiri ean? Auch das haben wir der freien Wort­stel­lung in Na'vi zu ver­danken.
Um deut­lich zu machen, auf welch­es Sub­stan­tiv die im Satz ver­wen­de­ten Adjek­tive beziehen, hän­gen wir ihnen ein kleines -a- an. Ein (falsch­er bzw. unvoll­ständi­ger!) Beispiel­satz ohne -a-:

Tsawl Neytir­il ean yay­oti tse'a.
Hier ist unklar, wer von bei­den nun blau/grün ist — Neytiri, oder der Vogel?

Um die Bezüge zueinan­der (von Adjektiv/en und Sub­stan­tiv) unmissver­ständlich klar zu machen, ver­wen­den wir erwäh­ntes -a-, dass wie ein klein­er Pfeil an das Adjek­tiv ange­hängt wird. Dieses "Pfeil-a" zeigt dabei immer auf das Sub­stan­tiv, das es beschreibt:

tsawl-a Neytiri a-ean

Wenn euch die Meta­pher mit dem Pfeil als Esels­brücke nicht reicht, ver­sucht euch das a als keinen Mag­neten vorzustellen, der das Adjek­tiv immer zum dazuge­höri­gen Sub­stan­tiv ziehen will.

 

Wenn Neytiri, wie in den vorigen Beispie­len, blau ist, würde aus dem Beispiel­satz fol­gen­des wer­den:

Tsawla Neytir­il aean yay­oti tse'a. Die große, blaue Neytiri sieht einen Vogel.

Und wenn nun der Vogel und nicht Neytiri blau wäre, sähe es fol­gen­der­maßen aus:

Tsawla Neytir­il eana yay­oti tse'a. Die große Neytiri sieht einen blauen Vogel.

Dieses kleine, unschein­bar wirk­ende -a- ist also enorm wichtig, um Bezüge von einzel­nen Wörtern (hier Sub­stan­tive und dazuge­hörige Adjek­tive) in einem Satz und somit dessen Bedeu­tung deut­lich und klar zu machen.

 

Adjek­tiv­en mit le- kann auf bei­den Seit­en ein -a- ange­hängt wer­den, aber nor­maler­weise wird dies nur an ihrem Ende gemacht, da durch le- eh schon klar ist, dass es sich um ein Adjek­tiv han­delt und "wohin" (auf welch­es Sub­stan­tiv) es zeigt. Beispiele:
lehrrapa palu­lukan lehrrap, lefn­gapa eltu lefn­gap, lef­poma trr lef­pom.
Trr alef­pom
ist gram­matikalisch zwar nicht falsch, klingt in den Ohren eines Na'vi aber den­noch ziem­lich merk­würdig oder unbe­holfen.

 

Adjek­tive kann man auch wieder­holen, um deren Bedeu­tung bzw. Wirkung zu ver­stärken (wenn einem nìtx­an z.B. nicht aus­re­ichen sollte); narlo­ra Neytiri anarlor würde sehr stark beto­nen, wie wun­der­schön Neytiri doch ist. Koa­ka koak­tu akoak wäre ein enorm uru­ru­ru­ral­ter, alter Men­sch, qua­si fast schon ein Fos­sil,hrh! :D

Übri­gens: Wenn Adjek­tive, die mit einem a begin­nen oder aufhören, mit dem a für Adjek­tive kom­biniert wer­den, ver­schmelzen die bei­den a zu einem: pxaya-a = pxaya, hona-a = hona, apxa-a = apxa, a-apxa = apxa.

 

 

Woher kommt dieses kleine a nun eigentlich?

a ist ein Rel­a­tivpronomen (wenn es für sich alleine ste­ht), welch­es uns erlaubt Sub­stan­tive (ihm Rah­men eines zum Sub­stan­tiv gehören­den Neben­satzes) genauer zu beschreiben. Es entspricht unserem ", der/die/das…" bzw. ", welcher/welche/welches…".
Ihr wisst nicht was ein Rel­a­tivpronomen ist? Keine Sorge, ich musste selb­st nochmal nach­schauen :P Wik­tionary meint dazu, ein Rel­a­tivpronomen sei "ein sich auf ein Sub­stan­tiv oder Pronomen des über­ge­ord­neten Satzes beziehen­des Pronomen" bzw. ein "ein­lei­t­en­des Wort eines Rel­a­tivsatzes".     .__. Jup, so viel dazu x)
Beispiele zur Ver­wen­dung von -a-:

Neytiri a lu tsawl. Neytiri, die/welche groß ist.
Das Ganze funk­tion­iert aber auch in ent­ge­genge­set­zter Rich­tung, wie bei Adjek­tiv­en (links oder rechts vom Sub­stan­tiv):
Tsawl lu a Neytiri. Neytiri, die/welche groß ist.

 

Wenn man hier jet­zt lu stre­ichen würde, wird der Zusam­men­hang zu Adjek­tiv­en bzw. wie das Adjek­tiv-a "ent­standen" ist, vielle­icht noch klar­er:
Tsawl lu a Neytiri → tsawl a Neytiri → tsawla Neytiri.
Neytiri a lu tsawl → Neytiri a tsawl → Neytiri atsawl.

 

Noch ein etwas kom­plex­eres Beispiel:
Neytir­il a lu tsawl tse'a eana yay­ot.
Neytiri, welche groß ist, sieht einen blauen/grünen Vogel.

a erlaubt uns also ohne große Umschweife Sub­stan­tive direkt mit Attribut­en bzw. genauer mit "attribu­tiv­en Neben­sätzen" zu verse­hen und diese kön­nen natür­lich alle gram­matikalis­chen Ele­mente bein­hal­ten, die ein Satz nun mal eben bein­hal­ten kann, also Fal­l­en­dun­gen und Co. Zum Beispiel:
Neytir­il a trram yerik­it taron sneyä sa'nokit tse'a.
Neytiri, die gestern einen Hexapeden/Yerik jagte, sieht ihre eigene Mut­ter.

Oder zum Beispiel auch:
Yerik a tspang taronyul lu ean.
Der Yerik, den der Jäger tötet, ist blau.
Beachtet hier­bei, dass die L-Endung beim Handelnden/Subjekt inner­halb des a-Neben­satzes mit tran­si­tiv­en Ver­ben nie wegge­lassen wer­den darf (wie hier bei taronyu-l) — son­st ist im Neben­satz mit a begin­nend nicht klar, wer die Hand­lung aus­führt! Ein weit­eres Beispiel:
Oel ikran­it a stìmä'nì oel mak­to.
Ich reite den Ikran, den ich ger­ade gefan­gen habe.

 

a erlaubt uns aber noch so einiges mehr, z.B. wesentlich kom­plexere Struk­turen von Satzge­fü­gen (Haupt­sätze, Neben­sätze — zum Teil auch extrem ver­schachtelt). Dazu aber erst in Lek­tion 14 und 15 mehr. ;)

 

Und wie oben ange­sprochen, kann man mit a und lu (und ) zig tausend Adjek­tive an ein Sub­stan­tiv tack­ern:
Neytiri a lu tsawl sì ean sì narlor sì 'ewan sì kanu sì …
Neytiri, welche groß ist und blau und schön und jung und schlau und…

 

Übri­gens, alu hat auch was mit all dem zu tun. Auseinan­der gedröselt wird daraus näm­lich a lu:
Tutan alu Tsyeyk. Der Mann namens Jake.
Tutan a lu Tsyeyk. Der Mann, welch­er Jake ist.

 

Na, hat­tet ihr ein paar "Glühbirne-überm-Kopf"-Momente? Ich damals auf jeden Fall, als ich das alles hier zum ersten Mal erk­lärt bekom­men habe. x)
Ich liebe es ein­fach, wie logisch und klar die Struk­turen dieser Sprache aufeinan­der auf­bauen :D Ich sag doch, Na'vi is' wie Lego! xD

Übung I:

Über­set­zt fol­gende (Teil-)Sätze:

  1. Jake (Tsyeyk) ist ein zuver­läs­siger, gefährlich­er Jäger.
  2. Eytukan ist ein alter, weis­er Klan­führer.
  3. Ich sehe das schwarze, schmutzige Boot.
  4. Ayoel stawm me'ema mokrit alor peyä.

  5. Ngal yom tuna mautiti akxautralä.
  6. Oeru lu layona palukantsyìp ahona a trram melin­it nokx.
  7. Ngeyä räptuma ay'u fìtsenge lu kxanì.

Übung II:

Über­set­zt fol­gende kom­plexere Satzstruk­turen:

 

  1. Awngeyä lafyona tsahìk muntxatan­hu snetxanatana meaungia­teri ayayayrnga' plltxe.
  2. 'ewana tsmukel 'eylanä oeyä trram unilt­sa layona yerik­it arim a poru lu mesyal sì slukx a'aw.
  3. 'evil ngeyä narlora relit apxayopin finvul­fa a lu layon sì rim sì tun sì ean sì kllvawm weyn.
  4. Lu ayoeng ayrina' nawma utralä a peyä tìrol (lu) mì awnga. (noch ohne Audio)

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