Lektion 03: Transitivität & L+T‑Endung

In den Übungssätzen der let­zten Lek­tion wur­den vor­rangig intran­si­tive Ver­ben benutzt (mit Aus­nahme von rol und yom; jedoch ist rol genau genom­men noch nicht als tran­si­tiv oder intran­si­tiv klas­si­fiziert, aber man geht davon aus, dass es höchst­wahrschein­lich eher intran­si­tiv ist).
Intran…bitte was?

Wir ken­nen das aus dem Deutschen, Englis­chen und vie­len anderen Sprachen.
Man kann einen Fisch essen, ihn aber nicht schlafen. Man kann kann einen Vogel sehen, ihn aber nicht ren­nen. "essen" und "sehen" sind hier tran­si­tive Ver­ben, "schlafen" und "ren­nen" sind intran­si­tiv. Eigentlich schon klar, was gemeint ist, oder? ;)

Tran­si­tive Ver­ben haben meist ein "Ziel" (Objekt) der Hand­lung, intran­si­tive hinge­gen nicht.
In der Sprache der Na'vi gibt es genau so tran­si­tive und intran­si­tive Ver­ben. In Wörter­büch­ern sind intran­si­tive Ver­ben oft mit vin. markiert, tran­si­tive Ver­ben mit vtr. — falls ihr euch also mal nicht sich­er seid, schaut ruhig nach.

 

Ein­er der beliebtesten und ikonis­chsten Sätze, um Tran­si­tiv­ität zu erk­lären, ist
Oel ngati kameie"Ich sehe dich".

 

Warum heißt es nicht ein­fach oe nga kameie? Weil so nicht klar wäre, wer wen sieht:
Na'vi hat näm­lich eine (mehr oder min­der — siehe Hin­weis ganz unten in dieser Lek­tion) freie Wort­stel­lung, man kann die Wörter meis­tens also so herum jonglieren und platzieren, wie man es bevorzugt, ohne dabei die Bedeu­tung des Satzes zu verän­dern. Im Deutschen brauchen wir Wort­stel­lung und Fälle ("Ich esse den Fisch" ver­sus "Der Fisch isst mich"), um klar zu machen, wer die Hand­lung tut und wer von der Hand­lung als Objekt betrof­fen ist. Na'vi hat im Ver­gle­ich dazu aber eine freie Wort­stel­lung, daher bleibt uns nur die Ver­wen­dung von Fällen (L‑Endung und T‑Endung).

Dank freier Wort­stel­lung kön­nte man den Satz also entsprechend herum wür­feln:
Ngati oel kameie.
Kameie ngati oel.
Oel kameie ngati.
Ngati kameie oel.
Kameie oel ngati.

… doch die Bedeu­tung bleibt immer die selbe; "Ich sehe dich". Und dies dank zweier klein­er Endun­gen, der L- und der T-Endung. Sie sind ver­gle­ich­bar (aber gram­matikalisch nicht exakt gle­ichar­tig) mit den Fällen "Nom­i­na­tiv" und "Akkusativ" im Deutschen.
Die deutsche Sprache regelt diese Tran­si­tiv­itäts-Affäre vor­wiegend über Wort­stel­lung und den Akkusativ ("Objekt", "Wen sehe ich?"). Da eine feste Wort­stel­lung bei Na'vi vor­wiegend wegfällt, bleiben uns nur die Fal­l­en­dun­gen, um den Satz ver­ständlich zu hal­ten.
Genau genom­men wird die L‑Endung "Agens" und die T‑Endung "Patiens" genan­nt; ein Agent macht etwas ("Träger der Verb­hand­lung") und der Patient ("Empfänger der Verb­hand­lung") erhält etwas bzw. eine Hand­lung — diese Esels­brücke hat mir per­sön­lich am Anfang sehr geholfen. Euch vielle­icht auch? ;)
Na ja, genug Casus-Gebrabbel.

 

Schauen wir uns den Satz nochmal genauer an und split­ten ihn auf, um deut­lich zu machen, wie die einzel­nen Bestandteile die Bedeu­tung entsprechend manip­ulieren:
Oe‑l nga-ti kam<ei>e.
Oe
und nga ken­nen wir aus der vorigen Lek­tion zu den Per­son­al­pronomen.

Das L wird an oe ange­hängt, um klar zu machen, dass "oe" der­jenige ist, der die Hand­lung ("spir­ituell sehen") aus­führt, das T (hier -ti) wird an nga ange­hängt, um klar zu machen, dass "du" das "Ziel" (Objekt) der Hand­lung ist. Und das alles nur, weil kame (sehen, im spir­ituellen Sinne) ein tran­si­tives Verb (vtr.) ist.
(<ei> ist ein "Infix" — dazu kom­men wir aber erst in ein­er kleinen Weile, ignori­ert es der­weil ein­fach.)

 

Ihr ken­nt das vielle­icht noch aus der Schule; Sub­jekt, Objekt und Verb. Das Sub­jekt bekommt immer die L‑Endung, das Objekt die T‑Endung, sofern ein tran­si­tives Verb mit im Spiel ist.

 

Man kann und darf intran­si­tive Ver­ben nicht tran­si­tiv ver­wen­den, sie brauchen also keine L- oder T‑Endung. Tran­si­tive Ver­ben machen diese Endun­gen allerd­ings erforder­lich sobald ein Ziel/Objekt mit im Spiel ist, sie kön­nen aber auch intran­si­tiv, also ohne Objekt ver­wen­det wer­den:
fo yom — sie essen (yom, tran­si­tives Verb aber intran­si­tiv ver­wen­det, weil hier ein Objekt fehlt)
fol payoan­git yom — sie essen Fisch (yom, tran­si­tives Verb tran­si­tiv ver­wen­det, da hier ein Objekt, Fisch, existiert).

Eigentlich heißt "tran­si­tives Verb" also: ein Verb, dass per se intran­si­tiv ist, aber tran­si­tiv ver­wen­det wer­den kann, sobald ein direk­tes Objekt mit im Spiel ist. Solange es intran­si­tiv (also ohne Objekt) ver­wen­det wird, benötigt man wed­er L- noch T‑Endung.

 

Man kann und darf nicht aus dem Deutschen ableit­en, ob ein Verb auf Na'vi eben­falls (in)transitiv ist. Man kann im Deutschen etwas ler­nen (tran­si­tiv), auf Na'vi ist "ler­nen" (nume) aber nicht tran­si­tiv, son­dern intran­si­tiv. Es kann ein Hin­weis darauf sein, ob ein Verb vielle­icht tran­si­tiv oder intran­si­tiv ist, es ist aber kein­er­lei Garantie. Also auf­passen! ;)

 

Die L-Endung wird wie fol­gt gebildet:
Sub­stan­tive, die auf ein… enden, bekom­men:
Kon­so­nant: -ìl
Vokal: -l

 

Die T-Endung wird wie fol­gt gebildet:
Sub­stan­tive, die auf ein… enden, bekom­men:
Kon­so­nant: -it oder ‑t(i)
Vokal: -t(i)

 

Wenn ein Wort, das die ‑ti Endung bekommt, am Ende eines Satzes ste­ht oder das darauf fol­gende Wort mit einem Vokal begin­nt, kann man das i von ‑t(i) weglassen. Beispiel: "Neytiril tse'a Tsu'teyt ulte Ninatìl yom teylut ateyr." — "Oel tse'a pxefot."

 

Diese Mod­i­fika­tio­nen sind option­al, aber bevorzugt, da sie den wun­der­schön rhyth­mis­chen Fluss aus Vokal-Kon­so­nant-Vokal-Kon­so­nant-usw. erhal­ten, ohne dass eine Unter­brechung durch zwei aufeinan­der tre­f­fende Kon­so­nan­ten ohne Vokal dazwis­chen diesen Fluss stört. Dies ist aber fort­geschrit­ten­er Fein­schliff der Sprache, ihr müsst also ger­ade am Anfang noch nicht unbe­d­ingt darauf acht­en. Im Gegen­teil; ger­ade am Anfang kann es beim Ler­nen immens helfen, wenn man immer schön alles auss­chreibt, damit die Fal­l­en­dun­gen etc. richtig und kor­rekt im Hirn abge­spe­ichert wer­den.

 

Noch etwas zur Beto­nung von oe im Zusam­men­hang mit Fal­l­en­dun­gen:
Nor­maler­weise heißt es oe, aber sobald etwas (eigentlich egal welch­es "Suf­fix") an oe ange­hängt wird, ändert sich die Beto­nung und Aussprache; oel klingt eher wie "wel", oeti = "weti", oeyä = "weyä", oeru = "weru", oeri = "weri"; oena = "wena", oehu = "wehu".

 

 

Übung I:

Was also, wenn wir die Bedeu­tung des Satzes umdrehen wollen? Ver­sucht es doch mal!
"Du siehst mich." oe-? nga-? kameie.

 

 

Ein weit­eres Beispiel, um das Ganze noch etwas genauer zu ver­an­schaulichen:

Nga taron. "Du jagst." — Beachtet, dass hier kein L oder T vorhan­den ist, weil es in diesem Satz kein Ziel (Objekt) der Hand­lung ("jagen") gibt; taron (vtr.) wird hier also intran­si­tiv ver­wen­det.

Ngal taron. "Du jagst (etwas — aber was?)" —  Was genau gejagt wird, ist hier offen bzw. unklar, aber da L an nga ange­hängt wurde, ist es klar, dass ein unbekan­ntes Objekt gejagt wird. Je nach Kon­text kann dieses Objekt aber auch schon genan­nt wor­den sein oder erst noch genan­nt wer­den.

 

Ngal taron yerikit. "Du jagst einen Yerik". — Yerik ist hier jet­zt das Ziel der Hand­lung, denn er wird gejagt. Also muss L und T einge­fügt wer­den, damit klar wird, wer wen jagt. Umgekehrte Bedeu­tung:

 

Ngati taron yerikìl. "Der Yerik jagt dich."

 

Habt immer ein Adler­auge darauf, ob und wo die L- und die T‑Endung ver­wen­det wor­den sind. Sobald ihr diese aus­gemacht habt, ist euch klar, dass a) ein tran­si­tives Verb ver­wen­det wor­den sein muss und b) wer was mit wem macht (voraus­ge­set­zt, dass der Satz kor­rekt ist). Also, Augen auf! :D

 

 

 

Übung II:

Über­set­zt fol­gende Sätze ins Deutsche.

 

  1. Oel payoangit yom.
  2. Ngal inan pukit.
  3. Mefol taron yerik­it.
  4. Palulukan­it yom smarìl.
  5. Mo'atit Neytiril tse'a.
  6. Awngal mokrit stawm.
  7. Ngal oeti takuk.
  8. Rol ayoelrolit.
  9. Näk payti ngal.
  10. Vin tskoti moel.

Vok­a­beln: payoang = der Fisch; yom = essen; inan = lesen, Wis­sen durch sinnliche Ein­drücke erlan­gen; puk = das Buch; taron = jagen; yerik = der Hexa­pede; palulukan = der Thana­tor; smar = die Beute; tse'a = sehen (physisch); stawm = hören; mokri = die Stimme; takuk = tre­f­fen (Ziel), ein­schla­gen, (kör­per­lich) schla­gen, hauen; rol = sin­gen; tìrol = das Lied; näk = trinken; pay = das Wass­er; vin = ersuchen, erbit­ten, um etwas bit­ten; tsko = der Bogen (Waffe).

 

Übung III:

Find­et den Fehler!

  1. Pxoeti na'rìngìl lang.
  2. Awn­gal vulit kxakx.
  3. Mefol kxeyey tser­i­ti.

 

Übung IV:

Fügt L+T an den richti­gen Stellen ein:

  1. Du küsst das Baby. Nga__ prrnen__ pom__.
  2. Wir find­en den Heimat­baum. Awnga__ kelutral__ run__.
  3. Sie sind nett. Fo__ tstunwi__ lu__.
  4. Ich schaue einen Film. Oe__ rel__ arusikx__ nìn__.
  5. Die Him­mels­men­schen ster­ben. Sawtute__ terkup__.
  6. Die Mut­ter gebärt einen Sohn. 'itan__ sa'nok__ nokx__.

Vok­a­beln: na'rìng = der Wald; lang = unter­suchen; vul = der Ast; kxakx = (zer)brechen; kxeyey = der Fehler; tseri = bemerken; prrnen = das Baby; pom = küssen; kelu­tral = der Heimat­baum; tstun­wi = nett, rück­sichtsvoll; rel arusikx = sich bewe­gen­des Bild / Film, Video; nìn = anse­hen, anschauen; saw­tute = die Him­mels­men­schen; 'itan = der Sohn; sa'nok = die Mut­ter; nokx = gebären.

 

 

Noch eine Anmerkung zur Wort­stel­lung und "Beto­nung" (Gewicht) in Sätzen:
Na'vi erlaubt natür­lich eigentlich immer eine (mehr oder min­der) freie Wort­stel­lung, beachtet dabei aber, dass es den­noch eine bevorzugte Wort­stel­lung gibt, näm­lich SOV (Sub­jekt, Objekt, Verb; oder: L, T, Verb), wie in z.B.  oel ngati kameie.

Der Grund dafür ist, dass nor­maler­weise immer das let­zte Wort eines Satzes die "Beto­nung" bzw. das meiste Gewicht inne hat — und wenn man das Verb am Ende des Satzes posi­tion­iert, bleibt diese "Gewich­tung" rel­a­tiv neu­tral (soll heißen, es wird nicht jemand bes­timmtes betont, son­dern die Hand­lung selb­st).

Hieße es  oel kameie ngati, läge das Gewicht/die Beto­nung auf  ngati ("Ich sehe DICH");
bei  ngati kameie oel läge sie auf  oel ("ICH sehe dich").

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