03: Einfache Sätze mit Objekt — Transitivität (L+T‑Endung)

Tran­si­tiv­ität

In der let­zten Lek­tion wur­den euch ja schon einige ein­fache Sätze vorgestellt. Darin kamen noch keine Objek­te vor, die Ver­ben wur­den also intran­si­tiv ver­wen­det. Jet­zt höre ich euch schon fra­gen, "Intran­si­tiv? Bitte was?!" :P Keine Panik, ich erk­läre euch das alles schon noch, aber eins nach dem anderen. ;)

Die Na'vi unter­schei­den Ver­ben darin, ob sie intran­si­tiv oder tran­si­tiv sind.

Intran­si­tiv heißt, dass das Verb kein (direk­tes) Objekt, also keinen "Betrof­fe­nen" der Hand­lung hat.
Tran­si­tiv heißt, dass dieses Verb ein Objekt haben kann (aber nicht haben muss).

Nehmen wir mal einen Beispiel­satz aus der let­zten Lek­tion:

Oe taron. Ich jage.

Taron ist ein solch­es tran­si­tives Verb. Hier im Satz haben wir ein Sub­jekt und Verb, aber kein Objekt. Da taron aber tran­si­tiv ist, kann es ein Objekt haben:

Oel taron yerik­it. Ich jage den/einen Yerik.

Und sobald man ein Objekt mit ins Spiel bringt, muss man Fal­l­en­dun­gen an die Sub­stan­tive tack­ern, um ihre Rolle im Satz und dessen Bedeu­tung klar zu machen.

Sub­jekt: Der­jenige im Satz, der die Hand­lung tut, Dreh- und Angelpunkt des Satzes, "Han­del­nder". — "Wer?"
Verb: Tuwort, Hand­lung, Aktion des Satzes. Das, was das Sub­jekt des Satzes tut.
Objekt: Der­jenige im Satz, der Ziel der Hand­lung ist. "Betrof­fen­er". — "Wen?"
Tran­si­tive Ver­ben wer­den im Wörter­buch mit der Abkürzung vtr. markiert; intran­si­tive Ver­ben mit vin. — habt in Wörter­büch­ern also immer ein genaues Auge darauf was vor allem bei Ver­ben als zusät­zliche Info zu Wortk­lasse und Co. ver­merkt wor­den ist.

Tran­si­tiv und intran­si­tiv… Klingt erst ein­mal komisch und fremd, aber das Prinzip dahin­ter ken­nen wir auch aus dem Deutschen. Man kann jeman­den jagen, töten, sehen, umar­men, und so weit­er — man kann ihn aber nicht schwim­men, schlafen oder ren­nen. Die Ver­ben "jagen, töten, sehen" etc. sind hier tran­si­tiv — "schwim­men, schlafen, ren­nen" sind intran­si­tiv.

Man kann und darf nicht aus dem Deutschen ableit­en, ob ein Verb auf Na'vi eben­falls (in)transitiv ist. Man kann im Deutschen etwas ler­nen (tran­si­tiv), auf Na'vi ist "ler­nen, Wis­sen erlan­gen" (nume) aber nicht tran­si­tiv, son­dern intran­si­tiv. Es kann ein Hin­weis darauf sein, ob ein Verb vielle­icht tran­si­tiv oder intran­si­tiv ist, es ist aber kein­er­lei Garantie. Also auf­passen! ;)

 

 

Warum ist diese Unter­schei­dung zwis­chen vtr. und vin. so wichtig?

Nehmen wir noch mal einen anderen Beispiel­satz. Ein­er der beliebtesten und ikonis­chsten Sätze aus dem ersten Film ist wohl:
Oel ngati kameieIch sehe dich.

Wie schon im ersten Film von Norm erk­lärt wurde, heißt kame nicht physis­ches Sehen, man sieht hier­bei also nicht mit den Augen, son­dern mit der Seele. Es heißt also so viel wie "jeman­den men­tal, spir­ituell sehen, wahrnehmen, annehmen und ihn und sein gesamtes Wesen, seine Seele akzep­tieren und umar­men".

 

Warum heißt es nicht ein­fach oe nga kameie? Weil so nicht klar wäre, wer wen sieht:
Na'vi hat näm­lich, wie in der let­zten Lek­tion erwäh­nt wurde, eine freie Wort­stel­lung, man kann die Wörter meis­tens also so herum jonglieren und platzieren, wie man es bevorzugt, ohne dabei die Bedeu­tung des Satzes zu verän­dern. Im Deutschen brauchen wir Wort­stel­lung und Fälle ("Ich esse den Fisch" ver­sus "Der Fisch isst mich"), um klar zu machen, wer die Hand­lung macht (Sub­jekt) und wer von der Hand­lung als Objekt betrof­fen ist. Na'vi hat im Ver­gle­ich dazu aber eine freie Wort­stel­lung, daher bleibt uns nur die Ver­wen­dung von Fällen (L‑Endung und T‑Endung), um den Han­del­nden (Sub­jekt) und den Betrof­fe­nen der Hand­lung (Objekt) entsprechend zu markieren.

Würde man auf Na'vi die Wörter ohne Fal­l­en­dun­gen herum jonglieren, wäre nie klar, wer hier wen sieht:

Nga oe kameie.
Kameie nga oe.
Oe kameie nga.
Nga kameie oe.
Kameie oe nga.

Doch dank der L- und T-Endung, die immer ganz klar machen, wer hier das Sub­jekt und wer das Objekt ist, ist die Bedeu­tung des Satzes immer glasklar ("Ich sehe dich"):
Ngati oel kameie.
Kameie ngati oel.
Oel kameie ngati.
Ngati kameie oel.
Kameie oel ngati.

Ich hoffe dies macht klar, warum die L- und T-Endung so wichtig sind. Sie sind übri­gens ver­gle­ich­bar (aber gram­matikalisch nicht exakt gle­ichar­tig) mit den Fällen "Nom­i­na­tiv" und "Akkusativ" im Deutschen, falls euch das weit­er­hil­ft.

Die deutsche Sprache regelt diese Tran­si­tiv­itäts-Affäre vor­wiegend über Wort­stel­lung und den Akkusativ ("Objekt", "Wen sehe ich?"). Da eine feste Wort­stel­lung bei Na'vi vor­wiegend weg fällt, bleiben uns nur die Fal­l­en­dun­gen, um den Satz ver­ständlich zu hal­ten.
Genau genom­men wird die L‑Endung "Agens" und die T‑Endung "Patiens" genan­nt; ein Agent macht etwas ("Träger der Verb­hand­lung") und der Patient ("Empfänger der Verb­hand­lung") erhält etwas bzw. eine Hand­lung. "Der Arzt ist ein Agent und behan­delt den Patien­ten" — diese Esels­brücke hat mir per­sön­lich am Anfang sehr geholfen. Euch vielle­icht auch? ;)
Na ja, genug Kasus-Gebrabbel.

 

Schauen wir uns den Satz nochmal genauer an und split­ten ihn auf, um deut­lich zu machen, wie die einzel­nen Bestandteile die Bedeu­tung entsprechend manip­ulieren:
Oe‑l nga-ti kam<ei>e.

Oe ("ich") und nga ("du") wur­den hier entsprechend durch die jew­eili­gen Fal­l­en­dun­gen markiert.
Das L wird an oe ange­hängt, um klar zu machen, dass "oe" das Sub­jekt, also der­jenige ist, der die Hand­lung ("spir­ituell sehen") aus­führt, das T (hier -ti) wird an nga ange­hängt, um klar zu machen, dass "du" das "Ziel" (Objekt) der Hand­lung ist. Und das alles nur, weil kame (sehen, im spir­ituellen Sinne) ein tran­si­tives Verb (vtr.) ist.
(<ei> ist ein "Infix" — dazu kom­men wir aber erst in ein­er kleinen Weile, ignori­ert es der­weil ein­fach.)

Die L-Endung (für das Sub­jekt) wird wie fol­gt gebildet:
Sub­stan­tive, die auf ein… enden, bekom­men:

♦ Kon­so­nant, LL oder RR: -ìl
♦ Vokal: -l

 

Die T-Endung (für das Objekt) wird wie fol­gt gebildet:
Sub­stan­tive, die auf ein… enden, bekom­men:

♦ Kon­so­nant, LL oder RR: -it oder -ti
♦ Vokal: -t(i)

Diese Fal­l­en­dun­gen wer­den immer nur an Sub­stan­tive oder Pronomen geheftet, nie an Ver­ben oder der­gle­ichen! Hand­lun­gen kön­nen ja auch schlecht Objek­te sein ;)

 

Das i von -ti kann man in der Regel immer fall­en lassen (sofern es an ein Wort ange­hängt wurde, dass auf einem Vokal endet), ich finde es aber nur rat­sam dies zu tun, wenn ein Wort, das die -ti Endung bekommt, am Ende eines Satzes ste­ht oder das darauf fol­gende Wort mit einem Vokal begin­nt. Beispiel: "Neytir­il tse'a Tsu'teyt ulte Ninatìl yom tey­lut ateyr." — "Oel tse'a pxe­fot."

 

Diese Mod­i­fika­tio­nen sind option­al, aber bevorzugt, da sie den wun­der­schön rhyth­mis­chen Fluss aus Vokal-Kon­so­nant-Vokal-Kon­so­nant-usw. erhal­ten, ohne dass eine Unter­brechung durch zwei aufeinan­der tre­f­fende Kon­so­nan­ten ohne Vokal dazwis­chen diesen Fluss stört. Dies ist aber fort­geschrit­ten­er Fein­schliff der Sprache, ihr müsst also ger­ade am Anfang noch nicht unbe­d­ingt darauf acht­en. Im Gegen­teil; ger­ade am Anfang kann es beim Ler­nen immens helfen, wenn man immer schön alles auss­chreibt, damit die Fal­l­en­dun­gen etc. richtig und kor­rekt im Hirn abge­spe­ichert wer­den.

Noch etwas zur Beto­nung von oe im Zusam­men­hang mit Endun­gen:
Nor­maler­weise heißt es oe, aber sobald etwas (eigentlich egal welch­es "Suf­fix") an oe ange­hängt wird, ändert sich die Beto­nung und Aussprache; oel klingt eher wie "wel", oeti = "weti", oe = "weyä", oeru = "weru", oeri = "weri"; oena = "wena", oehu = "wehu".

 

Übung I:

Was also, wenn wir die Bedeu­tung des Satzes umdrehen wollen? Ver­sucht es doch mal!
"Du siehst mich." oe-? nga-? kameie.

Spoil­er — Hier klick­en um Antwort zu sehen
Oeti ngal kameie.

 

 

Ein weit­eres Beispiel, um das Ganze noch etwas genauer zu ver­an­schaulichen:

Nga taron. "Du jagst." — Beachtet, dass hier kein L oder T vorhan­den ist, weil es in diesem Satz kein Ziel (Objekt) der Hand­lung ("jagen") gibt; taron (vtr.) wird hier also intran­si­tiv ver­wen­det.
Das Sub­jekt des Satzes ist immer der, der eine Hand­lung macht, egal, ob ein Objekt vorhan­den ist oder nicht. Und wenn kein Objekt da ist, braucht man auch keine L- oder T- Endung, denn man muss hier ja nicht klar machen, wer wen jagt. Hier wird halt ein­fach nur gejagt, "du jagst".

Ngal taron. "Du jagst (etwas — aber was?)" —  Was genau gejagt wird, ist hier offen bzw. unklar, aber da L an nga ange­hängt wurde, ist es klar, dass ein unbekan­ntes Objekt gejagt wird. Je nach Kon­text kann dieses Objekt aber auch schon genan­nt wor­den sein oder erst noch genan­nt wer­den.

 

Ngal taron yerikit. "Du jagst einen Yerik". — Yerik ist hier jet­zt das Ziel (Objekt) der Hand­lung, denn er wird gejagt. Also muss L und T einge­fügt wer­den, damit klar wird, wer wen jagt. Umgekehrte Bedeu­tung:

 

Ngati taron yerikìl. "Der Yerik jagt dich."

 

Habt immer ein Adler­auge darauf, ob und wo die L- und die T‑Endungen ver­wen­det wor­den sind. Sobald ihr diese aus­gemacht habt, ist euch klar, dass A) ein tran­si­tives Verb ver­wen­det wor­den sein muss und B) wer was mit wem macht (voraus­ge­set­zt, dass der Satz kor­rekt ist). Also, Augen auf, son­st wird aus dem Jäger schnell mal der Gejagte! ;D

 

Übung II:

Wählt die kor­rek­ten Über­set­zun­gen fol­gen­der Sätze aus:

1 / 10

Oel payoangit yom.

2 / 10

Ngal inan pukit.

3 / 10

Mefol taron yerik­it.

4 / 10

Palulukan­it yom smarìl.

5 / 10

Mo'atit Neytiril tse'a.

6 / 10

Awngal mokrit stawm.

7 / 10

Ngal oeti takuk.

8 / 10

Rol ayoelrolit.

9 / 10

Näk payti ngal.

10 / 10

Vin tskoti moel.

Prozentzahl richtiger Antworten:

0%

Vok­a­beln: payoang = der Fisch; yom = essen; inan = lesen, Wis­sen durch sinnliche Ein­drücke erlan­gen; puk = das Buch; taron = jagen; yerik = der Hexa­pede; palulukan = der Thana­tor; smar = die Beute; tse'a = sehen (physisch); stawm = hören; mokri = die Stimme; takuk = tre­f­fen (Ziel), ein­schla­gen, (kör­per­lich) schla­gen, hauen; rol = sin­gen; tìrol = das Lied; näk = trinken; pay = das Wass­er; vin = ersuchen, erbit­ten, um etwas bit­ten; tsko = der Bogen (Waffe).

"Die Beute frisst den Jäger" ist sog­ar ein Sprich­wort auf Na'vi; taronyu­ti yom smarìl. Es bedeutet so viel wie "alles was schiefge­hen kann, geht schief; alles geht den Bach runter; nichts funk­tion­iert, wie es soll".

 

 

 

Und was ist jet­zt mit tok?!

In der let­zten Lek­tion wurde ja angedeutet, dass tok erst in dieser Lek­tion erk­lärt würde. Schauen wir uns den in Lek­tion 2 erwäh­n­ten Beispiel­satz nochmal an:

Oel tok kelkuti. Ich bin (räum­lich) zu Hause.

Wird euch vielle­icht schon (nach allem was ihr hier jet­zt gel­ernt habt) selb­st klar, worauf ich da hin­aus wollte? ;)

Tok ist vtr., also ein tran­si­tives Verb: Der­jenige, der an einem Ort ist, ist das Sub­jekt, bekommt also die L‑Endung. Der Ort, an dem das Sub­jekt ist, ist das Objekt und bekommt die T‑Endung. Das ist auch schon die ganze Magie dahin­ter, die euch jet­zt hof­fentlich klar­er sein dürfte. :)

In der sehr salop­pen Umgangssprache kann man in solchen Sätzen das Verb tok auch aus­lassen, sofern dann immer noch klar ist, dass es sich nur um das Verb tok han­deln kann. Soll heißen, wenn ich "oel fìt­sen­git" sage, würde ein Na'vi ver­ste­hen, dass ich hier tok ein­fach wegge­lassen habe, aber den­noch meine.

Oel fìt­sen­git tok. Ich bin hier.
Oel fìt­sen­git. Ich bin hier.

 

 

Übung III:

Welche Fal­l­en­dun­gen bzw. Wörter in den entsprechen­den Lück­en sind kor­rekt?

1 / 7

Du küsst das Baby. Nga__ prrnen__ pom__.

2 / 7

Wir find­en den Heimat­baum. Awnga__ kelutral__ run__.

3 / 7

Sie sind nett. Fo__ tstunwi__ lu__.

4 / 7

Ich schaue einen Film. Oe__ rel__ arusikx__ nìn__.

5 / 7

Die Him­mels­men­schen ster­ben. Sawtute__ terkup__.

6 / 7

Die Mut­ter gebärt einen Sohn. 'itan__ sa'nok__ nokx__.

7 / 7

Du bist im Dorf. Nga__ tsray__ __.

Prozentzahl richtiger Antworten:

0%

Vok­a­beln: na'rìng = der Wald; lang = unter­suchen; vul = der Ast; kxakx = (zer)brechen; kxeyey = der Fehler; tseri = bemerken; prrnen = das Baby; pom = küssen; kelu­tral = der Heimat­baum; tstun­wi = nett, rück­sichtsvoll; rel arusikx = sich bewe­gen­des Bild / Film, Video; nìn = anse­hen, anschauen; saw­tute = die Him­mels­men­schen; 'itan = der Sohn; sa'nok = die Mut­ter; nokx = gebären; tsray = das Dorf; tok = räum­lich sein, an einem Ort sein, einen Ort füllen.

 

 

Noch eine zusät­zliche Anmerkung zur Wort­stel­lung und "Beto­nung" (Gewicht) in Sätzen:
Na'vi erlaubt natür­lich eigentlich immer eine (mehr oder min­der) freie Wort­stel­lung, wie in der let­zten und hiesi­gen Lek­tion auch schon erk­lärt, beachtet dabei aber, dass es den­noch eine bevorzugte (optionale) Wort­stel­lung gibt, näm­lich SOV (Sub­jekt, Objekt, Verb; oder: L, T, Verb), wie in z.B.  oel ngati kameie.

Der Grund dafür ist, dass nor­maler­weise immer das let­zte Wort eines Satzes die "Beto­nung" bzw. das meiste Gewicht inne hat — und wenn man das Verb am Ende des Satzes posi­tion­iert, bleibt diese "Gewich­tung" rel­a­tiv neu­tral (soll heißen, es wird nicht jemand bes­timmtes betont, son­dern die Hand­lung selb­st).

Hieße es  oel kameie ngati, läge das Gewicht/die Beto­nung auf  ngati ("Ich sehe DICH");
bei  ngati kameie oel läge sie auf  oel ("ICH sehe dich").

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